von Jürgen Holzinger
Als die Amputation meines linken Beines im Raum stand und das Ärzteteam mit meiner Familie vor meinem Bett darüber diskutierte, sagte ich mit leiser Stimme, aber voller Überzeugung: „Beide Beine müssen weg!“ Alle starrten mich entsetzt an und die Ärzte waren empört über meine Aussage. Sie hielten mich für nicht zurechnungsfähig.
Doch sie wussten nicht, was ich wusste. Und sie spürten nicht, was ich spürte. Eine Nacht davor hatte ich einen Traum, in dem ein Blitz durch meine beiden Beine fuhr und ab diesem Zeitpunkt waren meine Beine für mich gestorben. Ich war mir nur nicht der Tragweite meiner Worte bewusst. Für mich waren diese leblosen Beine eine Last geworden.
Denn ein paar Tage zuvor musste ich eine Computertomografie-Untersuchung über mich ergehen lassen und dabei wurde ich an die Radiologie überstellt. Beim Umlegen auf die CT-Liege vom Transportbett mussten, mich sechs(!) Personen heben und meine Beine fühlten sich an, wie Beton, wie aus Blei. Eine wirklich schlimme Erfahrung für mich, die schließlich zu meiner getroffenen Aussage führte.
Und leider sollte ich Recht behalten. Einige Tage später wurde mir zuerst das linke Bein amputiert und eine Woche später dann das rechte Bein. Bei beiden Beinen oberhalb des Knies, um mir das Leben zu retten. Ein Schock, obwohl ich es nicht ganz realisierte. Ich schaltete einfach in den Überlebensmodus und blendete unbewusst alles andere aus. Jeder Tag war ein Kampf ums Überleben und doch: Ich lebe heute zwar als Mensch, aber als Fußballer bin damals für immer gestorben…
Meine Frau und meine Eltern kamen mich täglich besuchen. Doch auch für Sie war dies alles andere als leicht. Ich hatte zwar überlebt, aber dieser Anblick, war meiner Meinung nach, nur sehr schwer zu ertragen. Jetzt liegt man dort im Bett, ohne Beine, völlig abgemagert, muss künstlich mit einer Magensonde ernährt werden, hängt am Dialysegerät, da die Nieren völlig kaputt sind, kann den linken Arm nicht bewegen, da es bei der Not-OP zu einer Falschlagerung kam und ein Nerv abgeklemmt wurde. Man kann kaum kommunizieren, da die Stimmbänder verletzt sind und überall sind Geräte und Schläuche, die den Anblick nicht besser machten. Aber sie ließen sich nichts anmerken und kamen Tag für Tag, um mich zu besuchen. Aber immer nur in einem sehr geringen Zeitfenster, da die Besuchszeit auf der Intensivstation sehr beschränkt war.
Da ich es in dem Einzelzimmer nicht mehr aushielt – ich starrte immer noch auf dieselbe Glastür und hörte nichts von meiner Umgebung – bat ich um Verlegung in ein anderes Zimmer. Mein Wunsch wurde mir erfüllt und ich kam in ein Dreibett-Zimmer, wo aber jeder einzelne Patient mit gelben Vorhängen abgetrennt wurde. Doch links von mir, war ein Fenster und draußen konnte ich einen Baum erkennen, dessen grüne Blätter sich sanft im Wind bewegten. Das gab mir das Gefühl, dass ich noch lebte und das ich noch Teil dieser Welt sein würde. Fortan „begleitete“ mich dieser Baum und er sollte noch eine Rolle spielen.
© Jürgen Holzinger 2021-02-17