von Cornelia Jost
Das altehrwürdige Malahide Castle im Norden Dublins strahlte an diesem kalten, aber sonnigen Spätdezembertag eine Ruhe und Gelassenheit aus, die Damian nur allzu gern gehabt hätte. Er hatte gedacht, dass ihm als Brautvater die leichteste Aufgabe zugefallen war. Ein bisschen die Hochzeitskasse auffüllen und die Braut zum Altar führen. Aber jetzt schritt er nervös vor dem Eingangstor auf und ab, sodass der Kies unter seinen Füßen unablässig knirschte. Michael und er waren viel zu früh dran, aber das war seine Schuld. Er hatte sämtliche Horrorszenarien vor sich gesehen – kilometerlange Staus, ein kaputtes Auto, das Schloss abgebrannt und unbrauchbar – dass er lieber früher als später losgefahren war.
„Schatz, bitte beruhig dich. Du bist doch sonst nicht so hektisch”, bat Michael ihn, nachdem ihm aufgefallen war, dass Damian durch sein Hin- und Herlaufen inzwischen eine Linie in den Kies getreten hatte.
„Du hast gut reden! Es ist ja nicht deine Tochter, die heute heiratet!”, rief Damian gestresst aus. Er hielt inne, als ihm bewusst wurde, was er gerade gesagt hatte. „Entschuldige bitte, das habe ich so nicht gemeint. Natürlich ist Aisling inzwischen auch deine Tochter. Ich bin einfach nur so mit den Nerven runter.” Er seufzte und protestierte nicht, als Michael ihm den Arm um die Schultern legte.
Nach ein paar Minuten trudelten die ersten Gäste ein und danach kamen stetig weitere, bis nur noch die Braut fehlte. Ihr Verlobter Robert war eben gekommen, hatte sich noch einmal ein väterliches Schulterklopfen von Damian abgeholt und war dann mit Michael hineingegangen.
Auf dem Kiesweg, der von einer Kreuzung im Park zum Schloss führte, klapperte endlich eine Fahrradrikscha heran, in der Aisling und ihre Mutter Caitlin saßen. Damian reichte seiner Tochter zum Aussteigen die Hand und konnte nicht anders, als sie verzückt anzuschauen. Sie trug einen langen cremefarbenen Wollmantel, der farblich zu ihrem mit Perlen besetzten Brautkleid passte. Beides bildete einen angenehmen Kontrast zu ihrem rot-goldenen Haar.
Er begrüßte seine Ex-Frau mit einem Küsschen auf die Wange, dann wandte er sich wieder an Aisling. „Bereit, mein Schatz?”
Sie strahlte mit der Sonne um die Wette und in diesem Moment wusste er, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. „Ich war noch nie bereiter, Dad!”
© Cornelia Jost 2022-08-08