2. Zwei Augenblicke

Moritz Sacid Polixa

von Moritz Sacid Polixa

Story

Ich betrachte das endlose Fassaden-Panorama. Eigentlich nicht unfassbar, denke ich, doch ich bekomme keinen Gripp. Vielleicht war ich zu lange allein.

Das Knacken des Türriegels unterbricht mein Staunen. Ein Typ und ein Mädchen kommen kichernd ins Wohnzimmer. Er ist dünn, hat lange, dunkle Haare und trägt ein schwarzes T-Shirt mit Union Jack darauf und eine grüne Jeans.Sie ist groß und schlank, hat glatte, schwarze Haare, trägt ein blauweißes Sommerkleid und in jeder Hand einen High Heel. Für Models sehen sie gut, aber nicht umwerfend aus. Vielleicht landet in China nur die B-Ware, denke ich.

„Hello German man“ sagt er mit spanischem „R“ und gibt mir Küsschen.„My name is Diego. We share room.”

„Hi“, sage ich „Max.“ Endlich bin ich mit Menschen, die meine Sprache sprechen!

„Paloma“, sagt sie.Auch wir geben uns Küsschen.

Beide riechen nach Nebelmaschine, Alkohol und Zigaretten.

„Nice meeting you“, sage ich.

„Beer, Germany!?“ sagt Diego und setzt seinen Fuß mit einem Tangoschwung Richtung Küche.

Wir stellen Stühle ans Fenster, wo der subtropische Smog den Klimaanlagenfrost erträglich macht.

„First time Shanghai?”, fragt Diego, legt den Kopf in den Nacken und rüttelt mit den Fingerspitzen durch seine Haare.

“First time China,” sage ich.

“Me too”, sagt Paloma. Sie teilt sich ihr Zimmer mit Mariella, einer Spanierin. Ein Italiener und ein Pole bewohnen das dritte Zimmer. Diego reist seit fünf Jahren als Model durch Asien. In Shanghai ist er schon ein halbes Jahr. Auf die Frage, wann ich mein Arbeitsvisum bekommen werde, lacht er laut: „Visa? Forget it!“

Dann erzählt er, wie es läuft. Die Agentur arbeite illegal, ohne Visen, ohne Verträge. Die Booker werden alles versuchen, um mich abzuziehen. Aber wenn ich aufpasse und gut buchhalte, sollte ich keine Probleme bekommen.

Ich frage, ob man trotzdem viel Geld verdienen kann. Diego will gerade antworten, da knackt der Türriegel und die Apartmenttüre fliegt auf. Ein dürrer Mann mit wilden Haaren und wildem Bart torkelt herein, ohne Notiz von uns zu nehmen. Im Gehen zerrt er sich erst sein Oberteil, dann seine Schuhe und seine Hose mit Unterhose vom Leib. Als er uns sieht, bleibt er nackt und breitbeinig vor uns stehen und lallt „ups“. Dann schiebt er seine Genitalien zwischen die Beine nach hinten und drückt seine Oberschenkel zusammen. So steht er zwei Augenblicke. Dann dreht er ab und stakst mit X-Beinen in sein Zimmer.

Wir brechen ab vor Lachen. Mario, den Italiener, habe das Modelleben in China schon verrückt gemacht, sagt Diego, so wie eigentlich alle. Aber dafür würden wir mit cash Dollars nach Hause fliegen.

Darauf stoßen wir an.

© Moritz Sacid Polixa 2021-08-09

Hashtags