*5* Verfolgung

Heinz-Dieter Brandt

von Heinz-Dieter Brandt

Story

Die beiden Kutscher, die mit ihrer Kutsche aus dem Westfälischen gekommen waren, hatten ihre letzte Station Oelber am Weißen Weg rechtzeitig verlassen, bevor die Dänen anrückten und Burg und Dorf zu verwüsten begannen. Tilly, zu dessen Gefolge die Kutscher gehörten, war schon einige Tage früher aufgebrochen. Sie sollten später mit der Kriegskasse nachkommen, aber nicht direkt über Ringelheim, sondern den weiteren Weg über Barum nehmen, um den dänischen Truppen weit auszuweichen. Als sie auf dem Barumer Wehrhof ankamen, sah man ihnen ihre Erschöpfung an. Ihr ohnehin nicht mehr ganz neuer Wagen wirkte ramponiert, und auch die Räder waren bei näherer Betrachtung nicht mehr für viele weitere Meilen geeignet. Neue Pferde konnte ihnen der Besitzer nicht anbieten, wollte es auch nicht, denn als Protestant war er auf die Söldner der katholischen Liga nicht gut zu sprechen. Dafür nahm er gerne ihr Geld für ein sauberes Nachtquartier und gute Verpflegung. Die Söldner wussten, dass sie sich in Feindesland befanden, vertrauten aber auf ihre Fähigkeiten und auf die Namen Tilly und Wallenstein, die auch in den protestantischen Lagern Respekt und Furcht auslösten.

Dabei hätte der Wehrhofbesitzer sie am liebsten gleich umgebracht, so verhasst waren ihm die Katholiken. Doch aus Furcht vor der Rache anderer kaiserlicher Soldaten, von denen er wusste, dass sie in Lutter lagerten, ließ er sie in Ruhe, verfolgte sie aber am nächsten Tag, um den Inhalt der Postkutsche zu erbeuten. Auf einer Kiste hatte er das Tillysche Wappen erkannt. Wenn es ihm gelänge, die Kiste an sich zu bringen, könnte er der katholischen Liga einen üblen Streich spielen und sich selbst bereichern. So ließ er die beiden am nächsten Morgen ziehen, gab ihnen auf ihre Bitte hin sogar scheinheilig ein Ersatzrad mit, wenn auch ein nicht ganz intaktes, in der Hoffnung, dass bei einem eventuellen Radwechsel genügend Zeit wäre, die Kutsche zu überfallen und auszurauben. Natürlich konnte er nicht ahnen, dass der erste Radbruch schon wenig später hinter der Zollstation in Beinum am Voßpaß erfolgen würde. Hier schien ihm ein Überfall noch zu gewagt. Doch schon kaum eine Stunde später sah er die Kutsche in der steinigen Furt der Innerste zerbrechen. War es die Furcht vor der eigenen Courage, das Schlachtengetöse, das schon von Lutter herüberschallte oder die Respekt einflößende Uniform – er beschloss, den überlebenden Söldner nicht zu töten, sondern ihn getarnt aus dem Unterholz zu beobachten und sich die Stelle einzuprägen, an der der Inhalt der Kiste vergraben worden war.

Zu Hause machte er sich Notizen über den Fundort, wollte aber mit der Bergung warten, bis die in den nächsten Tagen vorrückenden Truppen Tillys das Sumpfgebiet der Innerste verlassen hatten. Er vermutete, dass die Taler nicht so schnell wieder ausgegraben würden, dass vielmehr der Söldner sie behalten wollte. Sorgfältig verstaute er seine Aufzeichnungen in einer Schatulle unter dem Dachfirst, einem Ort, den nur er und seine Frau kannten. Zwei Tage später traf ein versprengter Trupp dänischer Söldner ein, die mit ihrem König Christian IV. auf der Flucht nach Norden waren. Sie verlangten frische Pferde, da die ihren nach der verlustreichen Schlacht für die weitere Flucht ungeeignet seien, schließlich sei er als Protestant dem König verpflichtet. Als er sich weigerte, dies ohne Bezahlung zu tun, erschlugen sie ihn.

© Heinz-Dieter Brandt 2024-02-24

Genres
Spannung & Horror
Stimmung
Abenteuerlich, Mysteriös, Angespannt