6. Warum ich das “große Wasser” nicht mag

Jessica Vonthin

von Jessica Vonthin

Story

Es war mein erster Sommer und als wäre es in Deutschland nicht schon warm genug, beschlossen meine Menschen, mit mir in ein Land zu fahren, in dem es im August gleich noch heißer ist: Kroatien.

Von zu Hause kannte ich das Problem mit dem Wetter und wann immer es zu heiß war, gingen meine Menschen mit mir an ein fließendes Wasser, das sie „Bach“ nennen. Hier konnte ich meine Pfoten abkühlen und als Nebeneffekt auch etwas trinken. Das Bachwasser schmeckt mir ohnehin besser als die klare Brühe aus dem Wasserhahn, die sie mir immer geben. Ich lernte aber recht schnell, dass das “große Wasser” in Kroatien anders ist, als das Wasser in unserem Bach.

Wir waren also in diesem Kroatien und während die Sonne auf mein braunes Fell schien und mich so sehr zum Hecheln brachte, dass ich dachte, meine Zunge würde auf den Boden klatschen und eine feuchte Speichelspur ziehen, gingen wir an den Strand. Ich sah, wie viele Menschen auf Handtüchern lagen und das heiße Wetter genossen, einige von ihnen schwammen im Wasser oder spielten mit einem Ball. Meine Menschen dachten, sie würden mir einen Gefallen tun, als auch sie ihr Handtuch ausbreiteten, einen Stock nahmen und ins Wasser warfen. „Hol ihn, Abby“, sagte mein Papa. Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich Stöcke liebe. Ich hole sie auch gerne. Aber zurück bringe ich sie nicht.

Ich rannte ins Wasser, um den Stock zu holen, doch ehe ich mich versah, verschwand plötzlich der Boden unter meinen Füßen und ich musste meine Beine völlig neu sortieren, um nicht zu ertrinken. Ein Schockmoment, der mich zurückschwimmen ließ. Auch das Wasser an sich roch eigenartig. Da es warm war, dachte ich nicht lange darüber nach und probierte es. Es schmeckte anders als das Bachwasser zu Hause. Furchtbar salzig und umso mehr ich trank, desto mehr Schaum bildete sich vor meinem Mund und desto mehr musste ich wiederum trinken. Komischerweise verstanden meine Menschen nicht, dass mich das Wasser irritierte, denn sie warfen den nächsten Stock hinein. Ich konnte nicht anders. Ich musste diesen Stock holen. Also sprang ich wieder ins Wasser, trank instinktiv aus der Brühe, holte den Stock und schleppte ihn ans Ufer, wo niemand ihn bekommen konnte. „Ach Abby, du musst den Stock wiederbringen. Du bist doch ein Retriever.“ Doch zum Wiederbringen war gar keine Zeit. Und Lust hatte ich dazu auch keine. Der Stock gehörte schließlich mir. Doch dann rumpelte mein Magen. Noch immer stand ich im Wasser, als ich merkte, wie mir schlagartig übel wurde. Ich hörte nur noch das laute „Oh nein, doch nicht ins Meer“, von meiner Mama, als ich mich nicht nur erbrach, sondern auch das Wasser mit meinem Durchfall braun färbte.

Was glaubt ihr, wie schnell die anderen Menschen um uns herum das Weite suchten?

© Jessica Vonthin 2022-08-24

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