von Jürgen Holzinger
Nach einem langen Therapietag wollte ich noch einkaufen gehen und nachdem ich das Auto geparkt hatte, holte ich mir einen Einkaufswagen. Auf dem Weg dorthin kam ein älterer Herr auf mich zu und fragte mich aufgeregt: „Entschuldige, wo hast du diese schwarzen Schienbeinschoner gekauft, die du jetzt trägst? Ich suche so etwas für meinen Enkelsohn. Der spielt nämlich Fußball.“
Etwas verdutzt antwortete ich: „Das sind keine schwarzen Schienbeinschoner, das sind Prothesen. Und die haben mit Fußball nichts zu tun.“ Ich blieb stehen und zeigte ihm meine Beine ganz genau. Peinlich berührt fuhr er leise fort: „Oh, entschuldige, sicher von einem Motorradunfall, oder?“ Als ich ihm kurz schilderte, warum ich die Prothesen trage, verabschiedete er sich höflich und ging kreidebleich und langsamen Schrittes wieder zu seinem Auto. Ich hingegen setzte meinen Weg fort und betrat endlich das Lebensmittelgeschäft.
Ein anderes Mal, es war ebenfalls beim Einkaufen, sprach mich eine Frau an. Sie sagte: „Sie haben wirklich wunderschöne Beine“. Etwas verwirrt bedankte ich mich höflich und ehe ich ihr noch antworten konnte, war sie auch schon wieder weg. Alle anderen, die mit ihrem Einkaufswagen in meiner Nähe standen, staunten, so wie ich nicht schlecht, ob dieses besonderen Kompliments. In dem Moment sagte ich in deren Richtung: „Na bumm, so etwas hat bis jetzt noch niemand zu mir gesagt!“ Die anderen Personen, die meisten kannten mich, nickten, lächelten verlegen und gingen wieder ihres Weges. Zu Hause erzählte ich meiner Familie von dieser Begegnung und auch sie waren darüber sehr erstaunt.
Ich wurde auch öfters auf meinen Gehstock angesprochen und die Menschen wunderten sich, warum ich als junger Mann damit gehen würde. Sie sahen dabei gar nicht meine Behinderung oder meine Prothesen, trotz meiner kurzen Hose, die ich nun ganzjährig trug. Und wenn ich ohne Stock unterwegs war, geriet ich öfters in brenzlige Situationen, da mich die Menschen schlichtweg übersahen. Deshalb war der Stock auch ein Schutz für mich, um sichtbar zu sein.
Es ging sogar so weit, dass ich während einer Geburtstagsfeier, eine Freundin hatte uns eingeladen, von einem Mann gefragt wurde, warum ich denn schwarze „Stützstrümpfe“ trage. Nachdem ich ihn kurz aufgeklärt hatte, ermahnte ihn seine Frau, er möge doch bitte nicht allzu viel reden und sich ab sofort ruhig verhalten. Nach einiger Zeit lachten wir alle darüber und verbrachten einen schönen Abend in einer gemütlichen Runde. Alles in allem war es dann keine Rede mehr wert.
Ja, kurios wurde es öfters, aber es fühlte sich dabei nie wirklich unangenehm an. Natürlich gab es auch Menschen, die nur ihre Neugierde befriedigen wollten, doch diese waren zu meinem Glück immer in der Minderheit. Der Großteil der Menschen meinte es wirklich ehrlich und ich spürte, wie sie mit mir und meiner Familie fühlten. Und dieses Mitgefühl tat einfach gut. Auch die zahlreichen Komplimente von den Menschen halfen mir in dieser Zeit sehr weiter.
© Jürgen Holzinger 2025-03-04