von Niklas Becker
Seit der mit der Ausweitung der Produktion erfolgten Arbeitsteilung, bedarf es der ausgefeilten Fähigkeiten Georgs nicht mehr. Nur ein weiteres Rädchen im Getriebe des Produktionsprozesses, ein Tropen auf den heißen Stein der verausgabten Arbeitskraft. Hin – Her; Hin – Her; Hin — seine Gedanken pendeln im Gleichtakt mit der Säge. Zwischen Abstiegsangst und Chance – „Der Ernst, der hat doch meinen Jung‘ mit in die Stadt genommen, sich die Automobile angeschaut. Vielleicht dankt er uns ja doch unsere Treue zu seinem Vater. Vielleicht ist das nur eine Phase, ein Umschwung. Bald geht es wieder hinauf mit uns.“. | Ernst steckt der Tänzerin Geld zu, bloß nicht am falschen Ende sparen. Ihr Herr weiß Bescheid. Zum richtigen Preis darf die „Ware“ nach dem Akt auch Gebrauchsspuren aufweisen. Wirksamkeit, darum geht es. Der Sex führt ihn nicht zum Höhepunkt, auf den Gipfel, sondern zu wissen, dass es seine Macht ist, sein Reichtum, dass er alle Ketten der Konvention, des Anstands vermöge seines Vermögens gesprengt hat. Er stöhnt. | Georg wird vom Schrei eines Kollegen aus dem Takt gebracht; im Tanz mit der Maschine führt die Maschine und sie verzeiht keine Fehltritte. Zwei Finger liegen vor Georg auf dem Boden, sein bescheidenes Mittagessen beginnt, vorlaut zu werden. Der Aufseher führt ihn hinaus, drückt ihm seinen Lohn für den Tag in die unbeschädigte Hand und rät ihm, einen Arzt zu konsultieren – „Hör auf, zu gaffen! Hast nix zu tun?“ – Georg schaut dem Aufseher in die Augen, sucht kurz Blickkontakt zum lädierten Kollegen, der betroffen zu Boden schaut, bevor er geht. – „Zurück an die Arbeit sag ich!“. | Seit einer halben Stunde sitzt Georgs Sohnemann nun schon mit am Tisch einer fünfköpfigen Jugendgruppe, nachdem ihn Ernst dort nach dem Besuch einer Automobilausstellung abgesetzt hatte; sie nahmen ihn freundlich auf, er hörte aber nur mit einem Ohr zu, von Motoren träumend, ihren Abgasgeruch noch in der Nase. Das Gespräch kommt zur Politik: „Man muss nun mal auf alles gefasst sein…oder traut ihr etwa den Franzacken? Nach der Kaiserkrönung in Versailles? Nach Marokko? Die warten doch nur auf einen Grund!“ – „Und erst die Engländer! Können es wohl nicht verkraften, nicht mehr die größte Macht zu sein. Mit der kaiserlichen Flotte werden bald auch die Kolonien nicht mehr vor uns sicher sein!“ – „Hört, hört! Prost!“ – „Was bist denn so still?“ – er fühlt sich ertappt – „Bist doch n echter Kerl oder nich?“ – „Natürlich…“ – antwortet er verunsichert – „Bereit, fürs Vaterland zu kämpfen?“ – erwartungsvolle Blicke – „Nein, für Kaiserreich und Vaterland!“ – „So ists recht! Auf Vaterland und Kaiserreich!“ – im Chor: „Auf Vaterland und Kaiserreich!“ | Vorm Büro verabschieden sie sich: „Danke, Ernst, dass du mich mitgenommen hast.“ – „Jederzeit! Guten Abend, grüß die Mutter von mir.“. Rein ins Büro. Noch nicht am Tisch angelangt, klopft es an der Türe. „Was will er denn noch?“, mürrisch geht er zurück und öffnet. Georg steht vor ihm. „Ernst, wir müssen reden.“ – „Worüber?“ – „Über die Werkstatt.“ – Kann das nicht bis morgen warten? Hatte einen anstrengenden Tag, Geschäftstreffen, du verstehst?“ – Georg lässt nicht ab, schaut mit bohrendem Blick – „Ein Mann hat zwei Finger verloren!“ – „Na, dann hilf ihm suchen. Was erwartest du von mir? Die Finger kommen nicht wieder.“ – „Aber-“ – „Hätte er mal besser aufpassen sollen!“. Ernst schlägt ihm die Tür vor der Nase zu.
© Niklas Becker 2024-09-05