von Dominik Stommel
Miriam zu beschatten war in etwa so schwer wie eine humpelnde Großmutter zu verfolgen. Und obendrein auch ähnlich aufregend. Als wäre ihre farbenfrohe und teure Kleidung nicht schon auffällig genug, war es vor allem die Art und Weise wie sie durch Drevet schlenderte. Ständig blieb sie stehen, las sich scheinbar zufällige Ladenschilder durch oder schaute Hausfassaden an. Es war fast so, als wollte diese Frau so deplatziert wie möglich wirken. Vinja hatte sich an eine Hauswand gelehnt, während sie ihr Ziel mit abgestumpfterem Blick beobachtete. Zu Anfang hatte sich Vinja sogar noch die Mühe gemacht, etwas unauffälliger zu sein. Schon nach ein paar Minuten war aber klar, dass der Aufwand nicht lohnte. Miriam schaffte es oft nicht einmal den entgegenkommenden Leuten auf der Straße richtig auszuweichen. Wie sollte ihr da auffallen, dass sie seit fast zwei Stunden verfolgt wurde? Wenn die junge Frau so weiter machte, würde es nicht mehr lange dauern, ehe jemand sie komplett ausnehmen würde. Der Anflug eines Lächelns huschte über Vinjas Gesicht, als sie Eskill sah, der ihr von der anderen Seite der Straße aus einen fragenden Blick zuwarf. Sie nickte ihm kaum merklich zu. Vinja stieß sich langsam von der Mauer ab und ging los. Sie war nur noch wenige Schritte entfernt, als der junge Mann endlich unsanft mit Miriam zusammen stieß. Die junge Frau stolperte zur Seite und schaffte es nur mit Mühe nicht zu Boden zu gehen. „Entschuldigung“, sagte sie in einem Tonfall, der offen ließ, ob sie gerade sarkastisch war oder sich tatsächlich dafür entschuldigte, dass sie fast umgestoßen wurde. Vinja packte den Rempler unsanft an der Schulter, als Miriam sich gerade wieder aufrichtete. „Alles in Ordnung?“, fragte Vinja betont freundlich an Miriam gerichtet. Es klang irgendwie falsch. „Ja, vielen Dank“, sagte Miriam und rieb sich dabei über ihre jetzt dreckige Handfläche. „Drevet ist eine … wirklich turbulente Stadt.“ „Turbulent und voller Taschendiebe“, antwortete Vinja, „An deiner Stelle würde ich mal schauen, ob dir nicht irgendetwas fehlt.“ Sie warf einen Blick auf Eskill, den sie noch immer an der Schulter festhielt. „Oh“, sagte Miriam. Sie blickte zuerst Vinja und dann Eskill mit einem etwas verwirrten Gesichtsausdruck an, ehe sie sich selbst kurz abtastete. Dann zog sie ihre lederne Geldbörse hervor und seufzte erleichtert: „Es ist alles noch da, es gibt also wirklich kein Problem.“ Warum zur Hölle hatte der Trottel ihr denn jetzt nicht wirklich etwas abgenommen? Das hätte die ganze Sache, doch nur glaubwürdiger gemacht! „Wie wäre es dann mit einer Entschuldigung?“, fragte Vinja und festige ihren Griff um Eskill, der daraufhin sein Gesicht verzog. „Tschuldigung“, murmelte er wenig überzeugend, eher er sich, diesmal deutlich glaubhafter, aus Vinjas Griff befreite und die beiden Frauen schnell hinter sich ließ. „Man sieht mir wohl an, dass ich nicht aus der Gegend komme, schätze ich mal“, sagte Miriam. Sie sah sich auf der recht belebten Straße um. Eskill war bereits in der Menschenmenge verschwunden. „Kanntest du den Kerl? Und glaubst du wirklich, der wollte mich beklauen?“ Vinja überlegte kurz. Letztlich gab es keinen Grund so zu tun, als hätte sie Eskill noch nie im Leben gesehen. Vinja winkte ab. „Ja, flüchtig. Der Kerl ist ein typischer Kleinkrimineller hier, ich glaube kaum, dass der dich gerade einfach nur übersehen hat.“ Miriam machte einen schockierten Gesichtsausdruck, der schnell einem vorsichtigen Lächeln wich: „Dann vielen Dank.“
© Dominik Stommel 2023-08-27