Aber ich freu' mich fĂŒr Dich!

SonjaUrbanek

von SonjaUrbanek

Story

MĂ€rz 1989. Eine spannende Zeit. Der schriftliche Teil der ersten DiplomprĂŒfung war vorĂŒber, und in quĂ€lender Langsamkeit wurden die Ergebnisse im Anschlagkasten vor dem Sekretariat ausgehĂ€ngt.

Eben hatte ich erfahren, dass ich alle TeilprĂŒfungen bestanden hatte. ÜberglĂŒcklich wollte ich gerade von dannen eilen, als ich unvermutet auf eine Kommilitonin traf, die ebenfalls zu dieser gefĂŒrchteten PrĂŒfung angetreten war. Sie war im Audi Max neben mir gesessen, darum wusste ich das so genau.

Wie es mir ergangen wĂ€re, wollte sie wissen. Stolz verkĂŒndete ich, ich hĂ€tte alles geschafft. Und sie? „Ich bin leider ĂŒberall durchgefallen,“ seufzte sie frustriert, „aber ich freu‘ mich fĂŒr Dich!“

Damit hatte ich nicht gerechnet: zum einen, dass sie, obschon fleißig und gewissenhaft, nicht bestanden hatte; und zum zweiten, dass sie nicht neidig war wie so viele Studenten hier. Völlig sinnlos war dieser Ehrgeiz; denn was hatte man denn davon, wenn man bei einer PrĂŒfung besser abschnitt als jemand anderer? Schon beim nĂ€chsten Test konnte es umgekehrt sein! Wir waren allerdings damals, in den spĂ€ten 80er Jahren, so auf Leistung und Erfolg gedrillt, dass wir das Miteinander vergaßen und eine gelbe Nasenspitze bekamen, wenn jemand anderer schneller vorankam als wir.

Nicht so diese Kommilitonin. Ich sah ihr ihre ehrliche Freude an; und sie beeindruckte mich.

Dieser Augenblick hat sich in mein GedĂ€chtnis eingegraben. Sie war vielleicht durchgefallen, aber sie hatte menschliche GrĂ¶ĂŸe; und ich, so musste ich mir eingestehen, nicht.

Jahre spÀter traf ich sie wieder. Wir waren beide in der U4 unterwegs zur Arbeit. Ich sah sie zuerst.

Sie sah blendend aus. Ihr Outfit war ganz Karrierefrau; und insbesondere die ruhige Zufriedenheit, die sie ausstrahlte, ließ erkennen, dass sie es gut getroffen haben musste mit ihrem Beruf.

Wie es ihr ginge, fragte ich neugierig. Hervorragend, bestĂ€tigte sie. Sie habe das Sprachstudium an den Nagel gehĂ€ngt und stattdessen ihr WU-Studium abgeschlossen. Jetzt sei sie im Management einer großen Kosmetikfirma untergekommen und fĂŒhle sich dort sehr wohl. Und ich?

Ich hĂ€tte mein Studium ebenfalls abgeschlossen, erzĂ€hlte ich, musste dann aber seufzend hinzufĂŒgen, dass ich im Berufsleben noch nicht Fuß gefasst hĂ€tte. „Ich rauf‘ mich da mit einem blöden Sekretariatsjob herum,“ schilderte ich frustriert, „es ist wahnsinnig schwierig, etwas G’scheites zu finden. Aber ich freu‘ mich fĂŒr Dich!“

Meine Freude war ehrlich. Ob sie sich erinnern konnte, dass genau diese Worte sie vor einigen Jahren an mich gerichtet hatte, als ich erfolgreich gewesen war und ich nicht?

Ich habe es nie erfahren. Aber ich dachte mir: Einmal sind wir erfolgreich und glĂŒcklich, dann wieder enttĂ€uscht und frustriert. Erst, wie wir mit der jeweiligen Situation umgehen, zeigt, wer wir sind. Wie sehr wir als Menschen bereits gereift sind. Das ist es, was zĂ€hlt.

Alles im Leben ist nur eine Momentaufnahme. Soviel, so scheint’s, ist gewiss.

© SonjaUrbanek 2019-11-03