von Maresa May
Ich stehe auf den Skiern seit ich zwei Jahre alt bin. Nur als Hobby, nie mit Profi-Absicht. Irgendwie hatte ich alles bereits probiert: Pulverschnee, nasser Schnee, Eisplatten, Dreck, frisch präparierte Pisten, komplett zerfahrene Pisten, blau, rot, schwarz, Tiefschnee, Muggelpisten, Wald, Schleichwege, Big Foots, Carvelinos, Schlepplift, Tellerlift, Sessellifte, Gondeln, Seilbahnen.
Sogar Slalom und Riesentorlauf.
Diesmal habe ich mir eine Totalabfahrt eingebildet. 1150m Höhenunterschied, 10km Abfahrt. Und ich habe vor, nicht stehen zu bleiben, sondern in einem Rutsch die Abfahrt zu meistern. Nach so vielen Jahren auf Ski ohne Probleme oder auch nur den kleinsten Muskelkater erscheint mir das doch machbar.
Der Tag war halbwegs schön gewesen bisher. Nicht unbedingt sonniges Bergwetter, aber gute Sicht, kein Wind und kein Schneefall. Bis jetzt. Beim Aussteigen an der Bergstation weht mir bereits eisige Luft entgegen und ich merke, wie es zuzieht. Die Sicht wird schlechter. Egal, denke ich mir. Ich zieh das jetzt durch.
Ich schwinge mich über die erste Kante in den ersten Abschnitt. Die blaue Piste mündet in zwei Abzweigungen, einen blauen Skiweg und eine rote Piste. Blau ist für Anfänger, also rein in den Hang, weiter in den schwarzen Steilhang. Easy. Nur nicht stehenbleiben. Mir geht es nicht um Speed, trotzdem kralle ich gern mal die Kanten der Ski in den Schnee und gewinne an Schwung. Langsam spüre ich meine Schenkel, doch es geht noch. Als die Mittelstation sichtbar wird, wird aus dem Spüren ein kleines Brennen. Ich richte mich ein wenig auf und mache lockere Schwünge anstatt zu carven. Aber die Schenkel brennen immer noch. Nach der Mittelstation kommt so ein unseliges Gleitstück, das ich normalerweise liebe, weil ich die Ski laufen lassen kann, laufen lassen muss.
Doch nicht heute.
Ich werde gezwungen wieder in die Hocke zu gehen, mittlerweile wird der Wind kälter und Schnee beginnt zu fallen.
Ich könnte aufgeben. Kurz anhalten und dann weiterfahren. Aber ich bin stur. Ich will nicht. Der Ehrgeiz ist zu groß. Ich kann jetzt nicht aufgeben. Die Hälfte ist bereits geschafft!
Im letzten Drittel fühlen sich meine Schenkel an, als wären sie in einer Schraubzwinge gefangen, ich habe nicht das Gefühl, dass ich sie jemals wieder gerade aufrichten können werde. Jede Kurve wird anstrengender und die Ski bewegen sich immer schwerfälliger, als müssten sie Tonnen tragen.
Mittlerweile ist es mir egal. Ich will das schaffen. Ich werde das schaffen.
Und tatsächlich sehe ich vor mir endlich die Talstation. Erleichtert gehe ich mit einer neuen Motivation noch einmal in die Hocke, um den Schwung ins Flache mitzunehmen und die Ski erst direkt vor dem Skistall der Pension abschnallen zu müssen, wo ich mich schließlich erschöpft aber glücklich in den weichen Schnee fallen lasse.
Das wird der Muskelkater meines Lebens, das spüre ich jetzt schon. Aber das Triumphgefühl ist stärker. Ich habe es geschafft und das war es allemal wert.
© Maresa May 2019-11-28