Vor zwei Stunden habe ich noch mit meinen Kolleginnen abendgegessen. Jetzt habe ich schon fast alles gepackt. Mein Leben ist in fünf große Reisetaschen verstaut.
Nur ganz hinten in der Kommode liegt noch etwas. Eine neue Tube Zahnpasta, die ich auf Vorrat gekauft habe. Ich hatte ursprünglich vor, noch etwas länger zu bleiben.
Hier im Süden, wo es nur Lavendelfelder und Wein aus dem Rhône-Tal gibt. Seit Anfang März beschließt jede Woche ein anderes Land, seine Grenzen zu schließen. Italien, Tschechien, Polen. Und heute war es soweit. Der Präsident hat seine Rede im Elysee-Palast gehalten.
Gespannt haben wir sie im Wohnzimmer der WG auf dem kleinen Bildschirm eines Laptops live mitverfolgt. Ab morgen Mittag darf niemand mehr ausreisen.
Alle Menschen von Caen bis Marseille wären eine Einheit, in einem Kampf gegen das Virus. Überall, wo die Trikolore weht, werden die Grenzen dicht gemacht. Jusqu’à nouvel ordre – bis auf Weiteres. Hoch lebe die Republik.
Mein Arbeitsvertrag dauert allerdings nur noch 14 Tage. Danach hält mich nichts mehr in diesem Land. Die Landesgrenzen werden aber vermutlich länger geschlossen bleiben.
Eine Pandemie löst man nicht in zwei Wochen. Und auch nicht in 15 Tagen, so wie die Franzosen die Tage von zwei Wochen zählen.
Und dann sitze ich hier fest? In dieser Dienstwohnung, dieser Bruchbude, in der sich die Wände bei Wind bewegen und wo man die Nachbarn husten hört? Nein. Ich muss abhauen.
Wenn ich den Ausnahmezustand in meiner schönen eigenen Wohnung im Alpenraum verbringen möchte, dann ist das meine letzte Chance.
Sofort packen, sofort losfahren, sofort über die Grenzen, über die Schweiz, über Deutschland, über alle Berge, durch alle Täler, ab nach Hause, zu meinem offiziellen Wohnsitz. Hoch lebe Europa!
Von der Provence ab in die Alpen, über 1000 Kilometer. Alle Reisetaschen sind im Auto verstaut. Der Kofferraum und die Rückbank sind zum Bersten voll. Jetzt ist mein Zimmer leergeräumt und wir verabschieden uns.
Auf Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Deutsch. So, wie es sich in einer internationalen WG gehört. Der Abschied ist endgültig. Europa ist nicht mehr, wie es einmal war.
© Angelika Jungwirth 2020-08-14