Abschied vom Abschied

Peter Schäfer

von Peter Schäfer

Story

Frech und fröhlich türmten sich Spielzeug, Plüschtiere, glitzernde Windräder und frische Blumen um das an den Laternenpfahl gebundene Kreuz. Der Kontrast wirkte bereits beim Vorbeifahren so stark, dass es mir die Kehle zuschnürte. Vermutlich bin ich nicht der Einzige, der mit dem Thema Kinder und Tod seine ganz besonderen Schwierigkeiten hat. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich monatelang an diesem Kreuz vorbeifuhr, ohne anzuhalten.

Allerdings wählte ich auch keine Umwege, um dieser Begegnung aus dem Weg zu gehen. Und so machte ich diesem Aufbau, der auf mich wie ein Spagat zwischen Lebensbejahung und Trauer wirkte, jedes Mal aus dem Auto heraus meine Aufwartung. Das war mehr als ein flüchtiger Blick. Ansonsten wäre mir nicht sofort jede Veränderung aufgefallen.

Zuerst wurden die Blumen weniger. Dann verschwanden die Windräder. Ohne dass es reduziert wurde, verlor das Spielzeug seine Strahlkraft, die Plüschtiere verblassten. Stets nahm ich mir vor, beim nächsten Mal ganz bestimmt anzuhalten.

Und so ließ ich mich schließlich auf eine recht emotionale Begegnung ein, wenngleich sich hier bereits langsam auflöste, was sich vor wenigen Monaten noch mit selbstbewusstem und stolzem Trotz der Öffentlichkeit präsentiert hatte.

Die Stofftiere hatten nichts Plüschiges mehr an sich. Sie schienen in sich zusammenzufallen und kümmerten vor sich hin. Ein Blumentopf ohne Blumen, dafür zwei Grablichter und eine nicht angebrochene Tüte mit süßen Waffeln, vermittelten mir nur noch ein Gefühl großer Hilflosigkeit, das versuchte, sich hier auszudrücken.

Und im Zentrum all dessen das Holzkreuz mit der Inschrift „Tina“ über dem ein freundlich lächelnder Teddybär mit einer Brutalität an den Laternenpfahl gebunden war, als sollte er stranguliert werden.

Noch während ich alles betrachtete, wurde mir klar, dass hier auf offener Straße ein noch nicht abgeschlossener Prozess stattfand, eine Kommunikation zwischen Menschen, die mir nicht bekannt waren und von denen einer nur noch in Gedanken erreichbar war. Ich fühlte mich dennoch persönlich berührt und verließ den Ort mit sehr gemischten Gefühlen.

Die Demontage wurde fortgesetzt. Immer mehr Einzelteile wurden aus dem Bild entfernt. Der an die Laterne gewürgte Teddy hielt die Stellung bis zum Schluss. Er und das Kreuz verschwanden gemeinsam. Für kurze Zeit markierte eine graue leere Blumenschale die Stelle. Ich konnte in ihr keinen Ersatz für irgendetwas erkennen. Sie wirkte auf mich vielmehr wie eine schlechte Entschuldigung für die vorausgegangene Demontage. Schließlich war auch die Schale verschwunden.

Heute erinnert nichts mehr an einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang und dem Verlust eines Kindes. Dieselben Hände, die an diesem Ort eine beeindruckende Stätte des Gedenkens errichteten, haben sie über die Dauer von drei Jahren auch wieder beseitigt. Bis heute treibt mich die Frage um, was für die Hinterbliebenen wohl schwerer gewesen ist.

© Peter Schäfer 2021-12-17

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