von Sebastian Thäle
Zwei-, dreimal funkt die Leuchte des Projektors. Der Lüfter setzt sich langsam wieder in Bewegung, bis er vollständig zu stetem monotonen Surren zurückgekehrt ist. Ich zittert am ganzen Leibe und wippt nervös mit dem Bein auf und ab. Ich fährt sich mit der Hand durch die Haare; zieht dabei ein wenig an ihnen. Dr. Hagen beachtet Ich nicht. Er schaut auf die Leinwand, ganz ruhig, geduldig wartend. Ich schaut auf den Boden vor ihm, dann sonderbar schnell nach links und rechts, doch bewegt dabei seinen Kopf kaum. Nur seine Augen rollen hin und her, so, als wollte er nicht dabei entdeckt werden, sich umzuschauen. Dr. Hagen legt die Hände ineinander und schlägt eines über das andere Bein. Plötzlich, unaufgefordert, ruft Ich unangebracht laut.
Ich: Ich sehe… nichts! Ich sehe nichts, weil ich nicht hinschaue. Denn… wenn ich hinschaute… nun ja, wahrscheinlich wäre da nichts. Aber ich schaue nicht hin. Ich habe Angst.
Dr. Hagen: Mh?
Ich: Ich sehe hunderte Gesichter und Körper. Ich sehe ihre Bewegungen. Eine Augenbraue hebt sich, Augen rollen herum, Nasen rümpfen sich, Schultern drehen sich ein, Beine sind steif wie Stelzen oder schlottern umher und alles daran spricht zu mir. Alles erklärt sich mir, ohne dass ich danach fragte. Ich sehe die Gedanken. Sie strahlen in alle Richtungen. Wie Wärme treten sie aus den Leuten aus. Und die Leute tragen Kleidung, die ist auch sehr laut. In Schriftrollen sind alle gehüllt und ich muss lesen, was zu lesen ist, wenn ich hinschaue. Deswegen schaue ich nicht hin. Sprechen tun sie auch. Also die Menschen. Und manchmal schreien sie oder lachen oder machen andere Geräusche. Ich finde sie laut. Ich habe ein gutes Gehör. Dann sind da noch all diese Dinge. Sie wissen schon: Autos, Motorräder, Fahrräder, Bahnen, Busse, Maschinen, die Fahrkarten abstempeln, Musikboxen, Registrierkassen, Kirchenglocken und Tiefkühlregale. Die haben auch alle etwas zu sagen und… dann sind da noch die Gefühle, Dr. Hagen. So viel Gefühl schwebt durch die Straßen und Bahnhofshallen und durch die Kaufhäuser und Universitäten. Ich weiß manchmal – oftmals – ja, eigentlich fast nie, wo meine Gefühle aufhören und die der anderen beginnen. Alles ist so laut und mein Verstand mag nicht damit aufhören, alles zu deuten. Ich bin in einem Zustand der erhöhten Alarmbereitschaft. Ich denke, das ist es, was verhindert, dass ich die Dinge durch mich hindurchfließen lassen kann.
Dr. Hagen: Mhm.
Ich: Also schenke ich all diesen Dingen meine Aufmerksamkeit; meine fokussierte Aufmerksamkeit. Aber das ist nicht der Sinn einer fokussierten Aufmerksamkeit! Sie kann nicht alles fassen. Sie ist davon überfordert. Sie ist dazu gemacht, nur einzelne Dinge zu betrachten. Dennoch scheint da etwas zu sein, was ich sagt: „Nicht nur das eine, alles musst du sehen. Alles ist wichtig. Alles ist bedrohlich“. Was das nur sein mag, das da zu ihr spricht, Dr. Hagen?
Dr. Hagen: Hm.
Klack.
© Sebastian Thäle 2024-03-10