von Julia Gandler
Hinweis:
Alle Geschichten in diesem Buch sind frei erfunden. Sie spielen in der fiktiven österreichischen Zweimillionenstadt Wein. Mögliche Ähnlichkeiten zu realen Personen, Orten, Buslinien oder Verkehrsunternehmen sind rein zufällig, unbeabsichtigt und ganz sicher nicht gewollt. Dass die Autorin – ebenso wie die Protagonistin – Busfahrerin ist? Zufall. Ein lustiger Zufall.
„Werte Fahrgäste, zu Ihrer eigenen Sicherheit ist das Fahren mit geöffneten Türen leider nicht möglich. Bitte steigen Sie zügig ein, der Bus hat vier funktionierende Türen. Halten Sie den Türbereich frei und halten Sie sich gut fest, diese Fahrt wird wild!“
Wie alles begann?
Wie halt eh alles im Leben: irgendwie zufällig.
Ich war grad mal wieder auf Jobsuche. Ich habe schon vieles ausprobiert. Von Physiklaborantin zu Tischlerin, zu Grafikerin, zu Fahrradbotin, zu Landschaftsgärtnerin und noch einiges mehr. Die Jobs waren eh alle o.k. – nur halt irgendwie nicht auf Dauer. Dass ich nun also ausgerechnet hinterm Lenkrad eines Linienbusses mein Glück finden könnte, hätte ich mir selber nicht gedacht. Aber dann sah ich die Anzeige der Weiner Linien: „Buslenker*innen gesucht“. Durch die gegenderte Anrede fühlte ich mich als Frau gleich direkt mit-angesprochen. Und immerhin bin ich in meinem vorherigen Job bereits mit einem großen Auto durch Wein gefahren – dann kann ich das wohl auch mit einem noch größeren „Auto“. Ich machte mir also einen Spaß daraus und setzte mich an die Bewerbung. Ich beschrieb, wie mich meine Zeit als Fahrradbotin zu einer Kennerin der Straßen Weins machte. (Spoiler: Da hab ich vielleicht etwas dick aufgetragen, aber dazu später mehr.) Vielleicht waren es aber auch meine Fähigkeiten als Grafikerin, eine optisch ansprechende Bewerbung zu verfassen, oder schlicht die Tatsache, dass ich eine Frau bin und die Weiner Linien den Frauenanteil erhöhen wollten, die überzeugten. Zwei Tage später erhielt ich die Einladung. Gut einen Monat später hatte ich alle erforderlichen Tests bestanden und begann in der firmeninternen Fahrschule meine Ausbildung. Als ich dann das erste Mal hinterm Lenkrad des Fahrschulbusses der Weiner Linien saß, hab ich sofort gemerkt: Das macht Spaß.
Da war dieses Gefühl, dass plötzlich all die Stunden, die ich damals als Kind damit verbrachte, auf der PlayStation 2 meines kleinen Bruders GTA San Andreas zu spielen, Sinn ergaben – es war wunderschön.
Und ich wusste, ich habe sie gefunden. Meine Berufung. Busfahren. Heute, Jahre später, weiß ich, dass dieses erste Gefühl richtig war. Trotz all der Rückschläge und vielleicht gerade wegen der vielen Geschichten, die dieser Job schreibt, kann ich mir keine schönere Arbeit vorstellen. Wenn sich die Stammgäste auf meiner Lieblingslinie freuen, mich zu sehen, oder wenn mir ein Kind Schokolade schenkt, weiß ich, dass ich hier genau richtig bin – hinterm Lenkrad eines 18 Meter langen Busses. Und wenn mal wieder nichts nach Plan läuft, dann habe ich zumindest ein paar lustige Anekdoten zu erzählen.
© Julia Gandler 2025-09-04