von Kira Deiß
“Es tut mir sehr leid, aber im Moment kann ich keine neuen Patienten aufnehmen, da die Praxis zu ausgelastet ist. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“
Sie las die Email schon zum sechsten Mal, obwohl der Inhalt sich nicht ändern würde. Es war sowieso immer wieder das Gleiche. Zu ausgelastete Praxis. Kein Therapieplatz möglich. Ich wünsche Ihnen alles Gute.
Sie schnaubte. So viel Gutes, das ihr gewünscht wird, schien aber nicht anzukommen, schließlich saß sie seit drei Monaten immer noch auf den gleichen Problemen und nichts änderte sich. Ihr Blick huschte ziellos von ihrem Laptop-Bildschirm durch ihr Zimmer, hin und her, ohne irgendwo anzukommen. Sie spürte, dass ihre Kehle trocken wurde, das Schlucken wurde schwieriger und dieses bekannte, eklige Gefühl breitete sich wie Gänsehaut über ihren gesamten Körper aus. In ihrem Kopf herrschte dumpfe Leere. Ihr Körper fühlte sich in diesem Moment so an, als wäre sie seit Tagen einen Marathon gelaufen. Alles schien ihr so unfassbar schwer, so unfassbar weit weg. Und während sie so da saß, immer noch den Blick ins Leere gerichtet, sickerten die Worte so richtig durch. Zu ausgelastete Praxis. Kein Therapieplatz möglich. Ich wünsche Ihnen alles Gute.
Ihre Mundwinkel zuckten, dann fing sie an zu lachen. Wahrscheinlich wirkte sie komplett irre, aber die Situation war einfach zu lustig. Es tut mir sehr leid, aber im Moment kann ich keine neuen Patienten aufnehmen. Einfach witzig. Diesen Satz hatte sie in den letzten Wochen so oft gehört, mittlerweile kam er ihr vor wie ein schlechter Werbe-Jingle. Ein Ohrwurm, den man nicht mehr los wird. Sie gluckste. Vielleicht konnte sie eine Art Bingo-Spiel aus den immer gleichen Absagen machen. Sie hätte so viele Preise damit gewinnen können.
Die Tränen kamen und kamen und sie lachte noch mehr. Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit, das Lachen hatte ihren ganzen Körper übernommen. Sie wischte sich immer wieder über die Augen aber ihre Finger blieben nass. Vielleicht wurde sie wirklich wahnsinnig.
Sie brauchte doch gar keine Therapie, ihr ging es ja offensichtlich fantastisch. Einfach super. Diese Stimme in ihrem Kopf war zwar nervig und diese seltsamen Gedanken manchmal auch, aber eigentlich lief es doch. Irgendwie musste es ja gehen. Sie atmete ein und dann wieder aus. Ja, irgendwie würde es schon gehen. Ihr liefen immer noch die Tränen.
Ich wünsche Ihnen alles Gute.
© Kira Deiß 2022-12-24