Als du mir ein Herz geschenkt hast

Franziska Kinskofer

von Franziska Kinskofer

Story

Es ist kalt im Zelt. Die eisige Winterluft pfeift durch die Schlitze am Eingang. Es muss gegen 2 Uhr morgens sein und die nĂ€chste Gruppe kommt herein, angefĂŒhrt von einer Freiwilligen.

„Ten people in each spot. Can you translate?”, wendet sie sich an einen jungen Araber.

„Please translate, the people have to sit here“, wiederholt sie und zeigt dabei auf die hölzernen SitzbĂ€nke vor uns. „Yes“, hilft er mit. „Someone speaks Farsi and can translate? Like that, ten people.”

Die Unruhe legt sich und bald hat jeder einen Platz gefunden. „You will get water. When we get the signal, you can go through this door”, deutet sie auf den Zeltausgang hinter sich “the german police will welcome you. There are buses and you will get shelter, please translate.” WĂ€hrend sie erklĂ€rt, beginnen wir Wasser auszuteilen. Die Erschöpfung steht den Leuten ins Gesicht geschrieben. Einige Jugendliche wollen Selfies machen und wir lassen sie.

Mir fĂ€llt ein kleiner Junge ins Auge, etwa fĂŒnf. Er hat sich gerade an den Maltisch gesetzt und beginnt, seine Erinnerungen aufs Blatt zu zeichnen. Die Zeltwand ist voller Bilder der Kleinsten und auch GrĂ¶ĂŸeren. Lebhafte Kunstwerke von zerstörten HĂ€usern, Booten, Blut und den Bergen. Ich setze mich zu ihm und wir malen und unterhalten uns ohne Worte. Es klappt gut, er strahlt mich bald schon aus dunklen, aber leuchtenden Kinderaugen an. Ich weiß, er hat jetzt fĂŒr einen Moment vergessen, auch das Malen. Er sieht das Bobbycar – das meistbegehrte Spielzeug im Zelt und schnappt es sich sofort. Ich schiebe ihn an und er rast wild umher, rangelt kurz mit einem anderen Jungen, der beim Anblick dieser Raserei Blut geleckt hat. Ich gebe ihnen mit lĂ€cherlich erhobenem Zeigefinger zu verstehen, dass jeder drankommt und der Vater macht dem schließlich mit einem „Yalla“ ein Ende. Er kann Englisch und zeigt mir Bilder seines Hauses, wie es vor dem Krieg aussah. Er sei Lehrer gewesen in Damaskus und zeigt auf einen Rucksack. Das sei alles, was seiner Familie geblieben ist. Ich drĂŒcke ihm mein MitgefĂŒhl aus und komme mir unbeholfen dabei vor.

„The first group, come.”

Plötzlich zieht etwas an meinem Mantel. Ich schaue runter und der Kleine steht mit Kulleraugen vor mir. Er hat etwas in der Hand, ein kleines Kristallherz und hĂ€lt es mir hin. UnwillkĂŒrlich fasse ich mir an die Brust und versuche ihm zu sagen, dass es ihm gehöre und ich auch so an ihn denken wĂŒrde. Doch er ist hartnĂ€ckig. Der Vater kommt ihm zu Hilfe und ich bin zu gerĂŒhrt, um etwas zu sagen. Er breitet seine Arme aus und wir umarmen uns wie alte Freunde. Ich wĂŒnsche der Familie alles Gute und sehe ihnen beim ĂŒber-die-BrĂŒcke-gehen zu.

Noch heute liegt das Herz auf meinem Schreibtisch und in dunklen Stunden lass ich diese Erinnerung durch mich hindurchfließen. NatĂŒrlich habe ich den kleinen Herzensschenker nie mehr gesehen. Wo er ist, wie es ihm geht – das weiß ich nicht. Doch ich möchte ihm zu gern noch sagen: Als du mir dieses kalte Herz geschenkt hast so warm, da hast du mir eine Welt geschenkt.

© Franziska Kinskofer 2021-03-24

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