von Klaus Schedler
Ich glaub es war 1970 im Gronauer Apollo Kino in der Mühlenmathe: Knapp raste der Alfa am Viehtransporter vorbei und geriet ins Schleudern. Immer noch die Gitanes an der Unterlippe, versuchte Pierre reflektorisch den Wagen abzufangen. Vergeblich. Im Film «Die Dinge des Lebens» (Les choses de la vie) war es nicht allein Michel Piccoli, der als Hauptdarsteller neben Romy Schneider ständig eine Zigarette im Mund hatte. Und nicht nur im französischen Film der 60er und 70er wurde unglaublich viel geraucht.
Erinnern wir uns etwa an den «Kommissar», Eric Ode, der in jeder der von 1969 bis 1976 fast 100 gesendeten Krimifolgen ebenfalls zu viel geraucht hatte. Das war damals ganz selbstverständlich und entsprach der Alltagspraxis. Ich fand ich auch nichts dabei, wenn in Werner Höfers „Internationalem Frühschoppen“ im WDR geraucht wurde.
Auch bei den sonntäglichen Besuchen bei unserer Oma in Gildehaus wurde fest geraucht, denn der Onkel rauchte Zigarre, der Cousin Zigarillo und der Vater Zigaretten. Und mitten drin saß ich mit meinen zwei älteren Brüdern. Wir tranken unsere Limo und futterten aus Langeweile die bereitgestellten Kekse, bis der Teller leer war, wodurch wir uns stets den vorwurfsvollen Blick unserer Mutter einhandelten. Die Tante jedoch meinte dann stets begütigend: „Och lass de Jungs man eten, wenn se det lekker finden“, während sie die Kerze im Rauchverzehrer anzündete, um so dem dichter werdenden Tabakrauch entgegenzuwirken.
Bald probierte ich meine erste Zigarette und fand überhaupt keinen Reiz daran. Erst im Studium in Österreich begann ich zu rauchen, wobei ich anfangs Schwierigkeiten bei der Auswahl der Sorte hatte. Ich verlangte eine Packung der deutschen Marke «Senoussi». Die Trafikantin (dt: «Tabakladen-Verkäuferin») im Südbahnhof musterte mich daraufhin, hielt mich vermutlich für einen Jugoslawen und meinte: „Oiso i håb då nua «Morava» und «Filter 57»“ Ich entschied mich für «Camel ohne».
Selbstverständlich wurde auch im österreichischen Fernsehen geraucht und die Älteren erinnern sich sicher an den «Club 2», der von 1976 bis 1995 zweimal wöchentlich gesendet wurde. Im Lauf jeder Übertragung trübte sich die klare Sicht durch die Raucherei, während sich die Aschenbecher füllten. Am besten aber gefiel mir, als diese Talk-Show-Raucher in der seinerzeitigen «Bullyparade»“ (1997-2002) von Michael «Bully» Herbig auf die Schaufel genommen wurden. Dort gab oft einen Sketch mit den beiden fiktiven tschechischen Intellektuellen, Pavel Pipovič und Bronko Kuliča, die im Tabak-Rauch kaum mehr zu erkennen waren.
Später nahm ich beruflich bisweilen im österreichischen Parlament an fraktionellen Vorbesprechungen teil, wobei damals der informelle Hausbrauch tatsächlich vorsah, dass geraucht werden durfte, sobald der/die Vorsitzende eine Kerze angezündet hatte. Mich hat diese Sitte stets an meine sonntäglichen Oma-Besuche in Gildehaus und an den Rauchverzehrer der Tante erinnert.
© Klaus Schedler 2021-03-11