Alsterwasser

Emma Breuninger

von Emma Breuninger

Story

An Pfingsten 1994 fuhr ich mit meinem Sohn nach Hamburg. Zur selben Zeit fand dort das Deutsche Turnfest statt. Überall wimmelte von Menschen in Sportanzügen. Es herrschte eine fröhliche Stimmung in der Stadt, zumal das Wetter schön und angenehm warm war.

Da wir beide, mein Sohn und ich, Schiffsnarren sind, mussten wir nach “Willkomm Höft” fahren, jenem Schulauer Fährhaus, von dem aus alle Schiffe, die 550 BRT (Bruttoregistertonnen) und mehr haben, begrüßt oder verabschiedet werden.

Am Fährhaus ist eine Ponton-Brücke, die in die Elbe führt. Dort stellten wir uns hin und hatten gleich Glück. Zwei große Schiffe näherten sich.

Zunächst erklang aus mehreren Lautsprechern “Steuermann, lass die Wacht”, der Matrosenchor aus Richard Wagners Oper “Der fliegende Holländer”. Es folgte die Hammonia – die Hymne Hamburgs und die Begrüßung in deutscher Sprache „Willkommen in Hamburg. Wir freuen uns, Sie in unserem Hafen begrüßen zu können und wünschen Ihnen einen guten Aufenthalt – Willkommen in Hamburg.”

Dann dieselbe Begrüßung in der Sprache des Landes, dessen Flagge das Schiff trägt, gefolgt von der entsprechenden Nationalhymne. Und noch zwei Takte des Matrosenchors aus dem Fliegenden Holländer.

Kurz darauf kam ein Frachter mit Flagge aus Panamá, der Richtung offene See fuhr. Mit der Melodie des Liedes “Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn, bleib nicht so lange fort” und den Worten “Wir wünschen eine gute Reise und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen – Gute Reise” wurde der Frachter verabschiedet. Es folgten noch die Hymne Panamas und der Matrosenchor aus dem Fliegenden Holländer. Die Schiffe grüßten stets zurück mit ihrem lauten Horn.

Mein erst 8 Jahre alter Sohn musste natürlich unbedingt jenen Mann sprechen, der da im Fährhaus saß und immer die richtigen Kassetten zur richtigen Zeit einlegte, mit den netten Worten in verschiedenen Sprachen bzw. mit der Musik. So erfuhren wir, dass deutsche Schiffe mit dem Lied “Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus” verabschiedet werden.

Wir setzten uns auf die Terrasse des Fährhauses. Neben uns saßen drei wohl beleibte Männer mittleren Alters aus dem Rheinland. Einer davon bestellte ein großes Bier. Es gab aber nur kleine. Ob er gleich zwei bringen solle, fragte der Kellner. Nein.

Ich bestellte Kaffee und “Alsterwasser”. Der Kellner kam, brachte den Kaffee und fragte: “Für wen ist das Alsterwasser?” Ich zeigte auf meinen Sohn: “Hier, für den Kleinen”. Nee, das geht nicht, der darf keinen Alkohol trinken. Wieso Alkohol? Alsterwasser ist Bier mit Limonade (also das, was bei uns im Süden “Radler” heißt).

“Ich dachte, das sei für den Vater, der noch nicht da ist”, erklärte der Kellner, “sonst wäre mir das gleich aufgefallen.” Na ja, den Vater hatten wir drei Jahre zuvor in Mexiko gelassen. Der Rheinländer mit dem Wunsch nach einem großen Bier meinte sofort, er nähme das Bier. Problem also schnell gelöst.

© Emma Breuninger 2020-10-23

Hashtags (optional)