von Julia Gandler
wird man nicht so schnell los.
Ich drehe meine Runden am 113A. Wenn ich meinen Beziehungsstatus zu dieser Linie definieren müsste, würde ich sagen: Es ist kompliziert. Eine kurvenreiche Linienführung durch enge Gassen mit einem 18-Meter-langen Gelenksbus – viele Fahrgäste bewundern, dass ich das kann – „besonders als Frau“ kommt dann häufig als Zusatz. Warum auch immer mein Geschlecht für das Lenken eines Busses relevant sein sollte – meine männlichen Kollegen lenken das Ding ja auch nicht mit ihrem Schwanz. In Wahrheit sind es aber nicht die engen Gassen und Kurven – diese sind nach spätestens einem Jahr im Dienst Routine, gewissermaßen in Fleisch und Blut übergegangen –, die meine Hassliebe zum 113A prägen. Vielmehr sind es die immer überfüllten Busse, die ständig blockierten Türbereiche und Fahrpläne, die wenig Zeit lassen, um aufs Klo zu gehen, die mich manchmal an den Rand des Wahnsinns treiben. Auf keiner anderen Linie spiele ich so oft die automatische Ansage: „Werte Fahrgäste, bitte halten Sie den Türbereich frei, Sie verzögern die Abfahrt“, ab wie am 113A. Zum Glück ist diese Ansage gespeichert und mit nur einem Fingertipp aufs Display abspielbar.
Es ist zwar oft stressig, aber dafĂĽr begegnet man auch auf kaum einer anderen Linie so vielen unterschiedlichen Menschen innerhalb einer Runde.
Ich bin also mal wieder in einem ĂĽberfĂĽllten 113A unterwegs. Zum GlĂĽck sitze ich vorne am Lenker*innenplatz und muss nicht mit den ĂĽbrigen Fahrgästen kuscheln. Nachdem ich zum dritten Mal die Ansage zum Freihalten des TĂĽrbereichs abgespielt habe und immer noch ein Mensch die TĂĽren blockiert, versuche ich es mit einer eigenen Ansage: „Werte Fahrgäste, unsere TĂĽren sind mit Lichtschranken ausgestattet. Da das Fahren mit geöffneten TĂĽren zu Ihrer eigenen Sicherheit leider nicht möglich ist, bitte ich Sie, den gelbmarkierten Bereich freizuhalten. Sobald wir es schaffen, die TĂĽren zu schlieĂźen, können wir unsere Fahrt gerne fortsetzen. Ich danke fĂĽr Ihre Mithilfe!“ Vielleicht bringt’s ja was. Nachdem ich die Ansage beendet habe, kommt ein junger Mann zu mir. „Sehr schön haben’S das gesagt“, sagt er zu mir und schenkt mir ein Lächeln. Ich spĂĽre, wie eine leichte Röte in meinem Gesicht aufsteigt. Ich antworte verlegen mit einem „Danke“ und lächle zurĂĽck.
Nachdem nun endlich auch die letzte Person verstanden hat, wie Lichtschranken funktionieren, der TĂĽrbereich freigehalten wird und sich die TĂĽren schlieĂźen lassen, fahre ich weiter.
Ich bin gerade losgefahren, da dreht sich der junge Typ, der mich gerade angesprochen hatte, nach hinten um. „Die Fahrscheine bitte!“, sagt er in den Bus hinein. Mein Puls beschleunigt sich. Meine Hände werden ein bisschen feucht. Ganz leicht nur, fast nicht merklich. Es dauert einen Moment, bis mir klar wird, dass ich als Busfahrerin natürlich keinen Fahrschein brauche. Außerdem fahre ich als Weiner-Linien-Mitarbeiterin sowieso gratis in ganz Wein.
Aber alte Gewohnheiten wird man halt nicht so schnell los.
© Julia Gandler 2025-09-02