Anfang I

Alice Dias

von Alice Dias

Story

Technisch gesehen, hatte sie ihren letzten Freund nicht betrogen. Sie hatte sich aus der Beziehung verabschiedet, wie sich ein Fuchs aus dem Hühnerstall stiehlt – klammheimlich, quasi über Nacht. Und was es für eine Nacht gewesen war.

Sie feierten den Geburtstag eines gemeinsamen Freundes in ihrer Stammbar. Die ganze Mannschaft war eingeladen, da kamen immer noch ein paar Leute extra (wie er ihr später erzählte, wollte er ursprünglich dort gar nicht auftauchen). Sie war wohl auf der Suche nach ihrem Freund gewesen (glaubte sie zumindest, der Alkohol hatte vielleicht andere Pläne gehabt), als sie an seinen meerblauen Augen hängen blieb. Und genauso wie dem Meer konnte sie dem Sog dieser Augen nicht entkommen. Es zog sie unaufhaltsam zu ihm.
An das meiste vom restlichen Abend konnte sie sich nur noch schwer erinnern – wie gesagt, Alkohol – flüchtige Momente, die in ihrer Erinnerung aufscheinen, wie die Augen eines wilden Rehs auf der Fahrbahn:
Wie sie ihn anspricht.
Wie sie an der Bar zusammen ein Bier trinken.
Wie sie zusammen an einem Tisch sitzen und sich unterhalten, die ganze Welt und die Menschen um sie herum vergessen, sogar der Freund, der ab und zu vorbeikam, um nach ihr zu sehen. (Ob er da schon gewusst hatte, dass er den Anfang vom Ende vor sich hatte? Sie selbst wusste es kaum, hatte es sich selbst gegenĂĽber noch nicht zugegeben, dass ihre betrunkene Version besser ĂĽber ihr Herz Bescheid wusste als sie.)
Und dann der Moment, als der Abend fast vorbei war, die Hand schon auf dem Lichtschalter und sie nach seiner Nummer fragte.

„Wie wärst du sonst an meine Nummer gekommen?“, fragte sie ihn viele Wochen später.
„Ich hätte einen Weg gefunden“, sagte er mit einem Blick aus diesen tiefblauen Augen, der keinen Zweifel kannte.

Und dann geschah ganz viele Wochen… Nichts.
Aber das Meer, Freunde, das Meer. Wenn es dich erst mal hat, lässt es dich nicht mehr los. Und wenn es der Sog seines Meeres gewesen war, der sie an diesem schicksalhaften Abend zueinander gezogen hatte, so war es nun der Mond, der an ihren Gezeiten zog. So natürlich, so logischerweise, so selbstverständlich wie es nur die Regeln des Universums sein können.
Sie gehörten zueinander (sorry, fester Freund).

© Alice Dias 2024-08-07

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Emotional, Hoffnungsvoll, Traurig, Sad, Funny