Angekommen

Katharina Baumann

von Katharina Baumann

Story

Liam sitzt neben mir auf der Dachterrasse und hört dem Gespräch seiner Kumpel zu. Es geht um irgendwelche Bestzeiten regionaler Fahrradrennen. Sein Lachen vibriert durch meinen Körper und hallt in meinem Kopf nach. Ich nippe am letzten Schluck in meinem Glas. Der große Eiswürfel hat sich an diesem Abend im Juni schon längst aufgelöst. Ich will nicht aufstehen und mir ein neues Getränk holen, aus Angst, dass sich jemand auf meinen Platz setzt.

Liam bemerkt, dass ich langsam auf dem Trockenen sitze: „Kann ich dir noch was bringen?“, meint er leise und greift nach meinem Glas. „Danke“, ich lächele schüchtern und kann seinem Blick kaum standhalten, während seine Hand meine streift. Liams Augen strahlen mich an und mir bleibt nichts anderes übrig, als schüchtern zu erröten. Vergessen sind die Streitereien und die Missverständnisse während unseres Kennenlernens.

Gestern hat sich alles geändert, da hatte Liam keine Lust mehr auf das ewige Hin und Her. Vorsichtig hat er sich runtergebeugt, mein Kinn etwas angehoben und mich geküsst. Langsam und zart, als hätten wir alle Zeit der Welt. Meine Knie wurden zu Wackelpudding und in den Rollschuhen verlor ich fast den Halt.

„Woran denkst du gerade?“, er unterbricht meine Gedanken und bietet mir mein Glas an. Liam steht vor mir, die Sonne blendet mich und ich kann sein Gesicht nicht lesen. Schützend halte ich mir meine Hand über die Augen: „An nichts Bestimmtes“, ich nehme ihm das Glas ab, stehe auf und verlasse die Sitzgruppe. Ich weiß selbst nicht, warum ich aufstehe, eigentlich will ich für immer neben ihm sitzen. Aber ich bin unruhig, mein Magen kribbelt und mein Herz stottert. Aus dem Augenwinkel merke ich, dass Liam sich hinsetzt und sich gleich ins Gespräch ziehen lässt. Sein Gesicht verrät keine Regung. Ein kleiner, nagender Gedanke windet sich durch meinen Kopf ‚was, wenn er es doch nicht ernst meint? ’, die vertraute Unruhe ist wieder da.

Der Wind trägt Liams Stimme zu mir und ich versuche sie zu ignorieren. Klingt sie lauter und fröhlicher, seitdem ich woanders sitze oder bilde ich mir das ein? Ich hatte ganz vergessen, wie es ist, diese Unsicherheit, diese Verliebtheit: denn eigentlich haben wir seit dem Kuss nichts. In meinem Bauch sind lauter Schmetterlinge.

Ich bestelle an der Bar ein Bier und einen Rotwein. Dann gehe ich zurück zu Liam. Er hebt seinen Kopf, sieht mich an und lächelt. Ich verliere mich in seinem Blick, halte Kurs und komme endlich bei ihm an. „Für dich“, lächle ich und er nimmt mir die Flasche ab. Die anderen machen Platz und ich setze mich neben ihn. Liam stößt mit mir an und fragt beiläufig: „Wo wolltest du denn vorhin hin?“

Ich lehne mich leicht an seine Schulter, schaue über die Dachterrasse in den Abendhimmel – der Mond ist halb-voll aufgegangen – und seufze: „Keine Ahnung.“ Er streicht eine Haarsträhne hinter mein Ohr: „Jetzt bleibst du aber hier, oder?“

„Ja, jetzt bleibe ich bei dir.“

© Katharina Baumann 2022-08-31

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