Ich fühle mich sehr nutz-, plan- und ideenlos. Jeder Tag im August ist sehr gleich und es fließt noch immer sehr viel Alkohol, nicht in mich, aber in andere. Die Tage sind so gleich, dass ich manchmal keinen Sinn darin erkenne und auf der Couch dahinvegetiere, während ich auf mein Handy schaue und die Zeit dabei sehr langsam verstreicht.
Manchmal fahre ich schwimmen. Ich springe ins eiskalte Moorwasser und tauche unter und schreie sehr laut, da mich unter Wasser niemand hört, außer einige Wasserschlangen, denen mein Schreien aber relativ egal ist. Die Zeit an diesem Tag dehnt sich endlos und ich untersuche meinen Körper nach Krankheiten, finde dabei einige heikle Stellen und rechne damit, in den nächsten Tagen vielleicht zu sterben oder zumindest schwer krank zu sein.
Heute grillen wir mit Nachbarn. Heinz erzählt, dass er schon von Lagern gehört habe, in denen Fliehende mit Handys gebracht worden sind. Meine Oma schüttelt den Kopf, sowie auch Brigitte und generell der ganze Tisch. Bis auf mich und meine Schwester und meine Mutter, auch mein Vater schüttelt nur mit, da er im Ort die U 11 Fußballmannschaft trainiert und von den anderen anerkannt werden möchte und sich nicht mit uns solidarisieren will. Dass wir den Kopf nicht mitschütteln fällt Brigitte auf, die uns darauf anspricht. Mein Vater sagt, wir hätten alle starke Verspannungen und ein schütteln könnte zu einer Genickstarre führen. Das wäre im August nicht gut, im Oktober wäre es vielleicht besser, da könnten wir wieder mitschütteln. Brigitte schüttelt den Kopf.
Heinz und sein Freund Peter, der auch unser Nachbar ist, trinken sehr viel Bier. Sie reden über die Männer, die fliehen. Sie nennen sie Feiglinge und Vaterlandsverräter und Terroristen und Vergewaltiger. Meine Mutter schüttelt den Kopf, was aber Brigitte auffällt, die ihr einen bösen Blick zuwirft. Ich schweige sehr viel, da ich mich sehr fremd fühle. Als ein Gewitter aufzieht, gehen wir alle rein. Im Wohnzimmer sieht mich Heinz an und fragt mich, was ich nach dem Sommer machen werde. Ich berichte ihm von den vielen offenen Türen, die ich aber noch verschlossen halten möchte, da ich mich derzeit draußen einfach wohler fühle. Heinz lacht und nimmt ungefähr acht Schluck von seinem Bier. Dann klopft er mir auf die Schulter, will etwas Nettes sagen, aber in diesem Moment bemerkt er, dass er eigentlich noch selten zu jemandem nett war und nimmt seine Hand schnell weg von meiner Schulter. Dann ist er peinlich berührt und nimmt deshalb ungefähr acht Schluck von seinem Bier.
Das Grillen war schlimm und ich schlafe mich aus. Als ich aufstehe, schalte ich den Fernseher ein und sehe viele Menschen, die offenbar in Ungarn entlang einer Straße Richtung Österreich gehen. Da ich in Österreich lebe und ich hoffe, dass sich endlich etwas in meinem Leben ändert, freue ich mich und beschließe, in diesem Sommer, wenn sich eine Möglichkeit ergibt, mit diesen Menschen in Kontakt zu kommen.
© Benedikt Mitmannsgruber 2021-07-06