Aurelia

Niklas Jünger

von Niklas Jünger

Story

Sie war immer hinter ihm gesessen, sodass er sie nie hatte sehen können, ja nicht richtig hatte wahrnehmen können. Doch dann, durch einen reinen Zufall, kam eine neue Sitzordnung zustande. Es war nicht so, dass er nie eine ähnliche Situation sich heimlich erdacht, ja sogar verstohlen ersehnt hätte und doch ließen ihn die neuen Umstände zunächst gänzlich unbeeindruckt. Vielleicht war es aber auch die Hürde, sich sein persönliches Empfinden einzugestehen und die Angst vor der Verantwortung, die Situation zu nutzen bevor sie verstrich. Zuvor hatte er sich jedenfalls keine ernsthaften Gedanken machen müssen, doch nun wo ihn ihr Geruch stets in seichten Zügen berührte, fand er sich in einem fortwährenden Zwiespalt: zwischen seelig-euphorischem Verlangen und der Angst, die Schwelle zu überschreiten und den herrlich gold-duftenden Garten der Liebe zu betreten. So blieb er still und unverändert, wagte kaum, sie mit schüchternen Blicken zu streifen. Je öfter er jedoch den braunen Hals und die zierlich gekräuselten Härchen darauf, welche sich unterhalb des streng nach oben gebunden Haaransatzes in alle Richtungen verflochten gewahrte, desto mehr schmerzte es ihn. Er ließ seine Augen zaghaft über die feine Kuhle ihres Schlüsselbeines gleiten, über die dünne glitzernde Kette und ertappte sich erschrocken wie er, an ihrer Brust herab, die Ansätze ihres Busens betrachtete. Mit jungfräulicher Scheu und errötenden Wagen pflegte er sich dann gänzlich in sein imaginäres Schneckenhaus zurückzuziehen bemüht um Konzentration, den Vortrag des Lehrers in eigene Notizen zu verwandeln. Lange jedoch mochte er sich nicht auf seinem eigen Blatt halten und auf dem Weg zu Tafel, streiften seine Augen ihre schultern. Diese Schultern, von welchen er träumte sie mit ihrer ganzen Schlänke zu umarmen, sie schützend zu wärmen und die Wange an dem eleganten Schwung ihrer Schulterblätter zu bergen, welcher sich unter dem dünnen weißen Oberteil abzeichnete und nur von dem dünnen Träger ihres BHs unterbrochen, nahtlos in ihren Rücken mündeten, welchen sie so graziös aufrechtzuerhalten wusste.

„Libertas! Träumen können Sie Zuhause!“

Herr Schimanski bellt. Instinktives Zusammenzucken, als ergösse sich ein Guss eiskalten Wassers, doch ich unterdrücke es: Man zuckt nicht, wenn der Lehrer schnauzt. Starr sind meine Augen auf die breite fleischige Stirn gehetzt, doch die buschigen, von Schuppen durchsetzten Brauen und die dazugehörigen faltigen Hängebacken haben sich bereits abgewendet, sodass die großen gelblichen Augen bereits über mich hinweg sehen, als wären sie gar nicht interessiert, als wäre ich nur eine unliebsame Nebenerscheinung, welche es nicht Wert war, länger als nur irgend nötig zur Kenntnis zu nehmen. Dennoch ertappt, fühlt sich mein Kopf an wie eine brüchige Vitrine und ich zwinge mich gerade aus, an Herrn Schimanski vorbei an die Wand zu blicken. Nur im Augenwinkel nehme ich den leicht zur Seite geneigten Kopf Aurelias wahr und kann mich nicht verwehren in Gedanken die heiße Haut ihrer Wange und die liebliche Rundung ihres Kiefers nachzufahren und an der leichten Andeutung ihres Mundwinkels innezuhalten, nur um den Anblick ihrer verlangenden Lippen herauszuzögern.


© Niklas Jünger 2023-09-05

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Emotional