von MISERANDVS
Lydia und ich schreiben einander nun schon beinah acht Jahre. Zwei dicke Briefe, zweimal die Woche mindestens. Immer, wenn ein neuer kommt, eile ich mich, sofort zu antworten, damit sie unbedingt noch vor dem Wochenende eine Antwort bekommt. Immer öfter aber überschneiden sich unsere Briefe sogar, weil wir nicht auf die Antwort warten wollen, ehe wir wieder schreiben. Über die Jahre sind die Briefe, die anfangs sehr schüchternen Inhalts waren, unglaublich intensiv in ihrem Inhalt geworden. Aus anfänglicher Schwärmerei zweier Teenager ist eine briefliche Beziehung gewachsen, die den Tiefgang eines Zusammenseins innehat. Wir schreiben über Alltägliches, als sprächen wir abends, wie der Tag war. Wir schreiben über unsere Gefühle, als schmiegten wir uns vor dem Einschlafen aneinander. Nichts bleibt unausgesprochen, keine Phantasie unberührt, und doch ist so vieles ungesagt, weil ein Briefumschlag nur eine gewisse Anzahl an vollgeschriebenen Seiten fassen will, ehe er platzt.
Der letzte Brief von Lydia war etwas eigenwillig. Sie musste sich an etwas gestoßen haben, das ich missverständlich formuliert hatte. Statt darüber hinwegzugehen, versuchte ich mich zu erklären, weil ich keinesfalls wollte, dass etwas Unausgesprochenes zwischen uns stand. Und nun lese ich ihre Antwort. Der Brief ist außergewöhnlich kurz. Nur eine Seite lang ist er. Die Anrede ist kein kreatives Kosewort, wie gewöhnlich. Au weia! Zitternd lese ich mich voran. Die Worte sind kühl, die Formulierungen nüchtern. Und am Ende schließt Lydia mit: “Wenn du denkst, ich ließe so mit mir sprechen, dann ist es vielleicht besser, wir schreiben uns nicht mehr.” Herr im Himmel! Ich nehme die letzten paar Briefe zur Hand, lese sie eilig durch. Wie konnte das nur so schiefgehen? Ich versuche, ihre Gedanken nachzuvollziehen. Gut, ja, wenn man es so betrachtet, dann war ich vielleicht wirklich schnippisch. Aber deswegen so einen Aufriss zu machen, so mit mir zu sprechen? Das wollte ich mir auch nicht gefallenlassen. Also antworte ich. Sachlich, nüchtern, faktenbasiert. Ich beginne nicht mit einem Kosewort, ich beginne mit “Liebe Lydia!“ Und mein Brief endet mit: “…vielleicht ist es dann wirklich beser so.”
Ich bekomme keine Antwort mehr. Wochen vergehen. Monate auch. Ich denke an sie. Sie fehlt mir. Und nach rund einem Jahr schreibe ich ihr einen Brief. Es ist ein sanfter Brief, jedes Wort bedachtvoll gewählt. Auf vielen Seiten frage ich langatmig eigentlich nur, ob wir nicht wieder schreiben wollen.
Die Antwort kommt rasch. “Mein über alles geliebter Pollenkater! Wie hab ich dich vermisst! Jeden Tag dieser endlosen Zeit wollte ich dir schreiben, wusste aber nicht, wie. Ich weine vor Glück über deinen Brief.”
Ein ganzes Jahr vertan, wegen einer ungeschickten Formulierung! Diese Sehnsucht nach ihr! Dieses triste Sein ohne sie!
Ich lernte nichts aus diesem Fehler. Und als ich ihn zum zweiten Mal beging, sollte ich sie für immer verlieren.
© MISERANDVS 2021-06-19