Azurblau und Kastanienbraun

Soria

von Soria

Story

Azurblau waren deine Augen, als ich sie mit zehn das erste Mal sah. So blau, dass ich mich in ihnen verlieren und wieder finden wollte. So blau, dass selbst der schönste Himmel am besten Sommertag lächerlich neben dir wirken würde. Azurblau waren deine Augen auch, als du mich das erste Mal anschautest. Als du mein zu großes Gesicht mit meinen zu dicken Augenbrauen gemustert und dich mit einem angewiderten Blick wieder umgedreht hast.

Ja, Azurblau trug ich dann am nächsten Tag, um deinen ersten Eindruck von mir wiedergutzumachen.

Wie frische, kühle Wellen wusch die Schönheit deiner Augen über mein Herz, als würden sie den Sand unter ihnen von einem Gelb in ein Kastanienbraun färben, bleibenden Eindruck hinterlassen. Als ich an diesem Tag meine Mutter fragte, warum ich braune und nicht blaue Augen hatte, erwähnte ich deinen Namen nicht. Zu Peinlich war es mir eingestehen zu müssen, dass ich für jemanden schwach wurde. Für dich. Denn zu vieles war bereits für dich. Die Art, wie ich meine aschblonden Haare kämmte, in einen Zopf packte, nur um dann voller Frust aufgrund einer Beule das ganze Prozedere wieder von vorne beginnen zu müssen. Die Pläne in meinem Kopf, was ich denn morgen tragen könnte, um dir zu gefallen. Vielleicht grün? Das war immerhin deine Lieblingsfarbe. Ja gar die Worte überlegte ich mr im Voraus, um möglichst perfekt antworten zu können, wenn … ja wenn … wir vielleicht endlich reden würden?

Und entkommen wollte ich deinen azurblauen Augen gar nicht erst, selbst als du mit ihnen voller Spott über mich lachen musstest. Viel zu gefangen war ich in meiner Naivität. In dem Glauben, dass sobald du einmal sehen würdest, wirklich sehen würdest, wer ich bin … dass du mich dann vielleicht doch mal mögen würdest.

Doch Kastanienbraun wird nicht zu Azurblau, niemals, jemals. So saß ich also dort, hinter dir mit kindlichen Träumen und Hoffnung. Mit dem Wissen, dass wir beide noch acht gemeinsame Jahre hätten, in denen ich dich vollumfänglich von mir und meinen Fähigkeiten überzeugen könnte. In denen ich dir zeigen wollte, wie schön ich eigentlich bin, hinter meinem asymmetrischen Gesicht und meinen langweiligen, kastanienbraunen Augen.

Irgendwann würde meine Zeit kommen, dessen war ich mir sicher. Irgendwann würden wir beide unser Happy End bekommen und in der Einheit leben, von der ich glaubte, dass wir sie waren – sein konnten, zumindest.

Denn jedes Mal, wenn dein Azurblau auf mein Kastanienbraun traf, fing ein neues Leben an. Und jedes Mal, wenn sich dein Mund öffnete und du den Spott hinauslaufen ließt, endete ein nächstes.

Bis heute hasse ich mich dafür, welchen Platz du in meinem Leben eingenommen hast. Denn bis zu dieser Sekunde verwandele ich dich in Gedichte und Poesie, während meine Tränen als Tinte dienen.

Und doch würde ich unsere erste Begegnung niemals rückgängig machen.

© Soria 2024-04-26

Buchkategorie
Anthologien
Stimmung
Emotional