Beginnings, endings and Schneeberg

Sonja M. Winkler

von Sonja M. Winkler

Story

Die Fahrgäste unterhalten sich angeregt, doch scheint mir, sie reden lauter als üblich. Sie beugen sich zum Nachbarn und wiederholen so manchen Satz, weil er vom Geräusch verschluckt wird, das die Entlüftung verursacht, die offensichtlich im Argen liegt. Der Salamander schnauft gewaltig, während er bergauf rumpelt. Der Wagen ist gesteckt voll, lauter ältere Herrschaften. Beim Baumgartner ertönt ein schriller Pfiff. Es steigen ein paar Fahrgäste aus und besorgen sich eine der berühmten Buchteln.

Ch. und ich schauen aus dem Fenster und schweigen. Der Mann, der uns gegenüber sitzt, hält eine drahtlose Minikamera gegen die Fensterscheibe und filmt die Landschaft. Als er das schwarze Ding, das aussieht wie eine Stabtaschenlampe, kurz über uns hinwegschwenkt, sage ich, allerhand, was so ein kleines Ding alles kann. Hochauflösend, sagt er stolz und dehnt seinen Brustkorb, aber nur eine Spur.

High resolution. Irgendwann löst sich alles auf, auch unser Leben.

Seit dem Tod der Eltern meiner Schwiegertochter (im August 2021) denke ich fast täglich beim Einschlafen daran, wie es sich anfühlen wird, wenn ich die Schwelle einst übertreten werde.

Irv, so nennt ihn seine Frau Marilyn, sagt, the state of nothingness after death is identical to the state of nothingness that we were in before we were born. „A Matter of Death and Life“ ist die Lektüre, die mich gerade bewegt, Irvin and Marilyn Yalom’s last joint project. Ein bemerkenswert intimer Bericht über Liebe, Verlust and how to live a meaningful life till the very end. Wenn sich alles auflöst. Resolvere, resolūtus.

In 2019 Marilyn made a resolve. Sie entscheidet sich, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, should the bodily travails of cancer become unbearable. In Kapitel 11 ist sie noch am Leben.

Der Salamander hat die Bergstation erreicht. Ch. und ich schwingen unsere Wanderstöcke. In der letzten Zeit haben sich unsere Gespräche oft um ihre alten Eltern gedreht und meine Mutter. The frailty of old age. Aber wenn Ch. von ihrem Enkerl spricht, leuchten ihre Augen.

Nach dem Damböckhaus wählen wir den steileren Anstieg übers Klosterwappen. 2019 erlebte ich hier denkwürdige Wetterkapriolen. Auf dem Plateau in 2000 Metern Höhe wütete ein derartiger Sturm, dass ich das letzte Stück des Weges auf allen vieren bergauf kroch, mich an Felsen festkrallte, weil ich in aufrechter Haltung vom Wind fast weggefegt worden wär. Gott sei Dank hatten wir A. dabei, einen Mann mit Gewicht und dementsprechend guter Bodenhaftung, der uns beide an der Hand nahm und uns zur Fischerhütte führte. Auch heute laben wir uns dort. Ch. lässt sich die Kaspressknödelsuppe schmecken. Ich wähle Specklinsen.

Als wir zurück zur Bergstation kommen, ist der Tag noch jung und der Salamander bei der Talfahrt nur halb besetzt. Kein Rauschen, kein Rumpeln. Und weil’s ein fast windstiller und vor allem sonniger Tag gewesen ist, genehmigen wir uns noch einen Sturm auf der Heimfahrt, bei einem Heurigen in Sooß. Mahlzeit!

© Sonja M. Winkler 2022-09-16

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