von Susann Gersten
„Bitte sag es nicht noch einmal.“
„Bitte komm keinen Schritt näher.“
„Bitte schau mich nicht so an.“
„Bitte leuchte nicht so mit deinen Augen.“
„Bitte lächle mich nicht an, denn sonst – verfalle ich dir.“
Sonst kann ich mich selbst nicht mehr halten.
Sonst verliere ich den Boden unter mir.
Sonst habe ich den freien Fall.
Ich sage diese Worte still, ungehört, in der Hoffnung, dass du sie spürst.
Du wirst sie niemals hören.
Wenn du den Raum betrittst, verändert sich alles in mir. Nicht sichtbar, nicht greifbar – und doch unumkehrbar.
Meine Hände zittern, mein Herz schlägt schneller. Die Stille lässt alles um mich herum schweben, die Zeit scheint still zu stehen. Als würde der Raum sich selbst kurz erinnern, wer er ist, seit du da bist. Und ich stehe mitten darin, ohne Schutz, ohne Rüstung.
Du berührst mich nicht mit deinen Händen.
Nicht mit deiner Stimme.
Nur mit deinem Sein. Du berührst weil du bist, hier und zum greifen nahe, doch ich lasse es nicht zu.
Wenn du mich ansiehst, nur einen Herzschlag lang, beginnt es in mir zu schwanken. Dein Blick ist kein Blick. Er ist wie die Nadel eines Kompasses. Ein Ziehen. Ein leises Öffnen dort, wo ich mich jahrelang verschlossen habe. Wenn sich unsere Augen treffen, verliere ich meine Schwerkraft. Dann gibt es kein Halten mehr. Nur dieses taumelnde Jetzt, in dem ich mich selbst vergesse.
„Bitte komm nicht näher!“
Denn Nähe ist nicht der Abstand zwischen unseren Körpern.
Nähe ist das, was geschieht, wenn du still wirst und bleibst.
Wenn du lächelst, ist es, als würdest du Etwas in mir erinnern, das ich längst aufgegeben habe. Dein Lächeln fragt nichts. Es fordert nichts. Und genau darin liegt seine Macht. Es berührt mich an einem Ort, an dem ich keine Worte habe. An dem ich nur falle.
Ich halte mich fest an meinen inneren Grenzen, wie an dünnen Fäden. Doch jedes Mal, wenn du atmest, wenn du dich bewegst, wenn dein Blick kurz verweilt, reißen sie ein wenig weiter ein. Du merkst es nicht. Und vielleicht ist das das Gefährlichste von allem.
„Bitte berühre mich nicht“, denke ich, flehe ich.
Denn wenn du es tust, wenn du mich wirklich berührst – dann verliere ich mich.
Weil dein Sein mich ruft.
Und ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, diesem Ruf zu widerstehen.
Oder ob ich endlich aufhören muss, es zu versuchen.
© Susann Gersten 2026-01-20