Blutmilch

Katharina L

von Katharina L

Story

Jedes Jahr im Frühling gibt es ein Flaschenlamm. Manchmal nimmt das Mutterschaf nur eines von Zwillingen an oder es lässt die Jungen einfach nicht trinken. Diese neugeborenen Lämmer sind kräftig und ich habe es noch nie übers Herz gebracht, sie zu töten. Also ziehen wir sie groß, auch wenn es für die Lämmer mit Leid verbunden ist, weil sie immer nach ihrer Mutter blöken und zwischen den Mahlzeiten hungrig sind.

Für die Flaschenlämmer holen wir rohe Kuhmilch bei einem Bauern in der Nähe. Es ist ein kleiner Hof mit rund 15 Milchkühen und mir ist schleierhaft, wie die Familie damit finanziell über die Runden kommt. Im Winter sind die Kühe im Stall angebunden, aber im Sommer kommen sie auf die Weide und man hört ihre Kuhglocken wie auf der Alm über die oststeirischen Hügel bimmeln. Manchmal schenkt mir der Bauer Milch für die Lämmer. Wenn die Keimzahl zu hoch ist, müsste er sonst die Milch der betroffenen Kuh wegschütten. Moderne Hochleistungskühe erkranken häufig an Euterentzündungen. Damit die Tiere gesund bleiben, müssen Stall- und Melkhygiene top sein.

Alle paar Tage hole ich zehn Liter in Glasflaschen. Ich gehe mit Tunnelblick durch den dicken Geruch von Kuhstall in die Milchkammer, in der ein 500 l Milchtank steht. Dieser wird alle zwei Tage vom Milchwagen entleert. Ich kann direkt aus dem Tank zapfen und fülle mit einem Trichter vorsichtig die schäumende Flüssigkeit in die Flaschen. Dabei blende ich die Mistreste aus, die in allen Winkeln der verfliesten Kammer kleben. Der Bauer kommt mit verschmierten Gummistiefeln aus dem Stall und hängt das Melkgeschirr in die Milchkammer. Eine räudige Katze schleicht geduckt herein und schleckt hastig verschüttete Milch. Manchmal schlabbert der Hofhund über den Zapfhahn. Wenn ich fertig bin, trage ich die Entnahmemenge in eine Liste ein und lege die 70 Cent/Liter auf ein klebriges Brett.

Ich sehe das Lamm vor mir, wie es sich über die Milch freut. Ich sehe die Kühe angekettet im Stall. Ich sehe das Chaos, die unmöglichen hygienischen Bedingungen. Jetzt ist es wirklich das letzte Mal. Ich muss einfach die weitere Fahrt zu einem anderen Milchhof in Kauf nehmen.

Dann fahre ich doch noch einmal zum Nachbarn. Ich stelle meine Flaschen auf und öffne den Zapfhahn. In dem leicht düsteren Neonlicht traue ich zuerst meinen Augen nicht. Die Milch scheint bräunlich zu sein. Habe ich die Flasche nicht gut ausgewaschen? Ich schließe den Hahn und halte die halbvolle Flasche gegen das Licht. Sie hat die rosa Farbe von Erdbeershake. Blackout. Manche Gedanken wollen einfach nicht zu Ende gedacht werden. Ich gehe mit der Flasche zum Bauernhaus und klopfe an. Die Oma öffnet: „Jo, bei der an Kuah is des Bluat nur so ausn Eiter gspritzt. Wos sullst mochn.“ Ja, was soll man machen? Ein Tank voll Blutmilch. Morgen ist Abholtag. Übermorgen liegt das Milchprodukt im Supermarkt und du isst es. Mahlzeit.

© Katharina L 2021-04-17

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