von Hannah Wozniak
Ich laufe einen langen kühlen Gang entlang und schaue mich um. Da stoße ich plötzlich gegen jemanden. Ein schmaler Mann, so alt wie mein Vater, vermutlich. Er dreht sich nicht mal zu mir um. Als ich mich umdrehe, merke ich, dass wir alle in einer Reihe laufen, aber ich sehe nicht wohin. In meinen Augenwinkel blenden mich Sonnenstrahlen, die durch bunte Mosaik-Fenster scheinen. An der Wand neben mir sehe ich drei Stück, sie alle zeigen die Kreuzigung von Jesus. Ich kenne diesen Ort. Es ist die Kirche, in die wir früher an Weihnachten gingen. Noch nie mochte ich es hier. Sobald ich durch die Tür herein kam fühlte ich mich so klein und alleine. So unwichtig und austauschbar. Niemand darf reden und wir alle müssen das gleiche machen. Das fand ich schon immer zum kotzen. Sogar die Kommunion mit all ihren Regeln und dem Unterricht. Doch zumindest bekam ich da Geschenke und durfte danach in der Kirche Hostie essen. Der einzige Grund warum ich zumindest ein bisschen Interesse an meiner Kommunion hatte, weil das Zeug wie Esspapier schmeckt.
Ich rücke in der Reihe immer weiter nach vorne und erkenne langsam an den Leuten, die von vorne links an den Bänken vorbei gehen zurück auf ihre Plätze, dass ich mich auf dem Gang zum Altar befinde um den Leib Christi zu erhalten, wie mein Vater sagen würde. Obwohl der Pastor mir gleich nur ein Stück Esspapier in meine Hände legt.
Vorne angelangt, schaue ich bescheiden hinunter in meine gefalteten Hände, wie ich es bei der Kommunion gelernt habe und sehe das Ende des Gewands des Pastors, welches knapp den Boden streift. Es ist weiß, hat goldene Verzierungen und ein paar kleine, rote Akzente. ,,Der Leib Christi.‘‘, spricht der Pastor und legt es mir in meine Hände, in dem Moment als ich meine Augen schließe. Gerade möchte ich es zu meinem Mund führen, als ich in meiner Hand etwas Nasses spüre. Ich öffne meine Augen und sehe Blut an meiner Hand. Und in meiner anderen Hand sehe ich einen Finger. Ich schreie wie am Spieß und schaue panisch zum Pastor. Sein Mund ist blutverschmiert und sein Gewand ist von Blutspritzern übersäht. Neben ihm auf dem Altar liegt ein toter Körper eines nackten Mannes, dem bereits ein Bein und einige Organe, sowie Eingeweide aus dem Torso fehlen. Mit einem breiten Lächeln auf dem Mund sagt er ,,Amen.‘‘ und schneidet mit einem Messer einen weiteren Finger ab. Meine Augen bleiben so lange angsterfüllt aufgerissen bis sie weh tun. Die Leute um mich herum schauen mich an. Ich kann nicht schreien. Ich kriege keinen Ton raus, also renne ich zu den Menschen und rüttle an ihnen und flehe um Hilfe. Dabei höre ich weiter die Stimme des Pastors ,,der Leib Christi.‘‘. Darauf folgt ein zähes Kauen direkt neben mir. Ich glaube, ich muss mich übergeben. Alle laufen sie mir mit einem blutverschmierten Mund entgegen.
© Hannah Wozniak 2024-10-30