Der Zugang lag hinter einem zerrissenen Wandteppich im Lagerhaus eines alten Gewürzhändlers – einer dieser Orte, von denen jeder im Viertel flüsterte, aber niemand offen sprach. »Da unten beten sie zu den alten Handelsgöttern«, hatte Gorran gemurmelt, »oder zählen einfach nur verbotene Münzen.«
Brimor drückte die brüchige Steintür auf, die sich mit einem unheilvollen Knirschen öffnete. Kalte Luft schlug ihm entgegen, riechend nach Moder, feuchtem Leinen und einem Hauch von Zinn. Eine knarzende Holztreppe führte hinab in einen grob gemauerten Raum, schwach erleuchtet von flackernden Öllampen.
»Gemütlich wie eine Trolllatrine«, murmelte Brimor und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Vorsichtig trat er über lose Steine und Reste von zerfetzten Pergamenten.
An den Wänden: alte Wappen, abgeschliffene Familienzeichen. In der Mitte: ein grob gezimmerter Tisch, auf dem säuberlich gestapelte Listen lagen – nicht etwa versteckt, sondern auf eine fast provozierende Art offen. Als wollten sie sagen: Wer hier liest, hat ohnehin schon verloren.
Brimor blätterte vorsichtig. Buchungslisten. Namensverzeichnisse. Lieferdaten.
Und dann: das Logo der Kupferfaust, fein eingeprägt am Rand einer besonders dicken Mappe. Darin: Zahlungen. Bestechungen. Gezielte Aufträge an »freie Transporteure« aus den Randbezirken der Zwergenlande – Gegenden, die sonst kaum noch jemand erwähnte. Neben jedem Namen ein Betrag. Neben jedem Betrag: der Vermerk »Lieferverzug«.
Brimor runzelte die Stirn. »Die lassen absichtlich Waren zu spät kommen? Und zahlen dafür auch noch?« Er fuhr mit dem Finger eine Spalte entlang, blieb bei einem Namen hängen, den er kannte – ein alter Karrenfahrer, der früher regelmäßig für seinen Vater fuhr. Jetzt auf der Liste. Verkauft für fünf Goldstücke die Woche.
»Verdammter Mist«, fluchte Brimor leise und schob die Mappe in seinen Mantel. Seine Hände zitterten leicht, nicht vor Angst, sondern vor Wut. »Die nehmen den ärmsten Zwerge das Letzte – und benutzen sie als Werkzeug.«
Ein Geräusch ließ ihn herumfahren – Schritte, schwer und langsam, auf den alten Dielen über ihm.
Brimor atmete tief durch, presste sich gegen die feuchte Wand und lauschte. Nach einer Weile ebbten die Schritte ab. Er wartete noch einen Moment, bevor er sich leise Richtung Ausgang bewegte.
Oben angekommen, verschloss er die Tür sorgfältig hinter sich. Keine Spur von Bewegung. Der Regen hatte aufgehört, die Straße glänzte im fahlen Licht der Laternen wie nasses Eisen.
»Die Kupferfaust will den ganzen Markt aufkaufen«, brummte Brimor. »Doch nicht mit besseren Waren. Sondern mit Dreck und Lügen … Aber nicht mit mir!«
© Kreative-Schreibwelt 2025-07-25