Das Abbild

Ulla Burges

von Ulla Burges

Story

Ich entdeckte ihn in einem Buch, diesen verschlagenen alten Burschen. Es handelte sich um ein Aquarell von Thomas Rowlandson (1756 – 1827): Der Richter. Die fleckige Haut, das lĂŒckenhafte Gebiss, das arrogant-sĂŒffisante Grinsen, die ungepflegten strĂ€hnig-weißen Haare, vor allem der vielsagende entwaffnende Blickwinkel seiner Augen. Sicher riecht er nicht besonders gut, dachte ich. Also könnte sich das lohnen. Ich beschloss, mit ihm in Kontakt zu treten. “Herr Richter”, sagte ich, “hĂ€tten Sie die GĂŒte, mir Modell zu sitzen?” “MĂ€delchen”, murrte er, “das haben schon so viele vor dir gewollt. Frauenzimmer bisher allerdings nicht. Ich bin teuer – ich hoffe, das ist dir klar!” Klar war mir das klar. Juristen machen nichts umsonst. Ich versprach ihm ein treffliches PortrĂ€t. Dass ihm das nicht genug sein wĂŒrde, hatte ich befĂŒrchtet. Er leckte seine Lippen sehr nass. “Du wirst ausgiebig belohnt werden.” Wir feilschten also um den bitteren Rest. Man muss ja nicht immer halten, was man verspricht.

“Wirst das ohnehin schlecht machen”, sagte er mit leichtem Unwillen, “wie willst du mein Wesen zu Papier bringen?” Das sei bisher nur einem gelungen, und das sei selbstverstĂ€ndlich ein Mann gewesen. Er machte ein verdrießliches Gesicht. Ich ĂŒberhörte seine Worte und machte mich an die Arbeit. Um ihn bei Laune zu halten, hatte ich Schnaps besorgt, was ihn allmĂ€hlich milder stimmte. “Du findest mich interessant, nicht wahr?” Ich stimmte ihm zu. Er rĂŒlpste und pustete in meine Richtung. “Sie haben heute mittag Erbsen gegessen, richtig?” Stirnrunzelnd verwedelte ich die spezielle Duftnote vor meiner Nase. “Sprich mich wenigstens mit ‘Euer Ehren’ an, wenn ich dir schon eine Geruchsprobe aus meinem Magen gewĂ€hre!”

Dann ermahnte er mich, seiner LeibesfĂŒlle auf dem Bild keine Beachtung zu schenken, weil die unerheblich sei fĂŒr sein Charisma. Mit Freuden wollte ich ihm das gewĂ€hren. “Euer Ehren mĂŒssen wissen”, sagte ich, “dass mich an einem Mann ohnehin hauptsĂ€chlich das Gesicht interessiert.” Als sich seine Miene verfinsterte, goss ich ihm rasch das nĂ€chste Glas voll. “MĂ€delchen”, sagte er wieder, ein tiefes Rollen in seine Stimme legend, “das ist aber nicht das Beste, was ein Mann zu bieten hat
” Ich mischte etwas GrĂŒn in seinen Teint. “Ich kenne das Argument, Euer Ehren, aber das Beste von sich mögen Sie anderweitig unterbringen – dessen bin ich nicht wĂŒrdig!” Die verbleibende Zeit bis zur Fertigstellung seiner eindrucksvollen Physiognomie schwieg der Herr Richter.

Dann zeigte ich ihm das entstandene PortrĂ€t. “Ich wusste doch, dass du es nicht bringst!” Er schmollte. “Ich habe dich unverwandt angesehen, MĂ€delchen, mit viel Liebe, mir den Pries fĂŒrs Bildchen vorstellend! Ich zahle fĂŒrstlich!“ Er nestelte an seiner Robe herum. “Die Weiber tun immer so keusch.Habe ich nicht die ganze Zeit ein Auge auf dich geworfen?” “Ein Auge, Verzeihung, Euer Ehren”, sagte ich, “das war mir bewusst. Schauen Sie nur richtig: Es ist das linke!”

© Ulla Burges 2021-04-16

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