von Lilie
Meine Freundin Caroline war ein sehr hübsches Mädchen. Bereits in der Hauptschulzeit trug sie zudem ihren tollen großen Busen stolz vor sich her. „Noch schöner“, dachte sie, „wäre ein nahtlos brauner Busen.“ Schließlich waren die Siebziger Jahre und man sah vieles nicht mehr so eng. In jeder Illustrierten waren schöne Mädchen mit braunen Brüsten abgebildet.
Wo könnte sie sich nur unbeobachtet bräunen?
Ihr Zimmer lag südwärts, das war schon einmal gut. Gegenüber stand ein einzelnes kleines Haus, umgeben von hohen Tannen. Dort wohnten drei alte Leute. Zudem waren die Fenster meistens von Holzrollos verdeckt. Das war ideal, Argusaugen aus dieser Richtung waren sicher nicht zu erwarten.
Caroline setzte sich also aufs Fensterbrett, trug gründlich Sonnencreme auf, um nur ja keinen Sonnenbrand an dieser empfindlichen Stelle zu bekommen, und begann in einem Buch zu lesen. Das klappte ja überraschend gut. Sie sah sich bereits genauso nahtlos braun wie die Mannequins in den Zeitungen. So saß sie noch da, als ihre Freundin Liane laut lachend um die Hausecke kam und fröhlich zu ihr hinauf winkte.
Doch bevor sie bei der Haustür angelangt war, sauste eine der alten Nachbarinnen im Laufschritt an Liane vorüber. Dieses Tempo hätte Caroline ihr nie zugetraut. Die Alte erreichte ganz außer Atem die Haustüre und klingelte Sturm.
Wie Liane später erzählte, öffnete Carolines Oma die Tür und betrachtete erstaunt und zugleich erschrocken ihre Nachbarin, die keuchend vor ihr stand. Mit ihrem letzten Atem stieß sie hervor: „Wir können den Erwin nicht mehr beruhigen und kaum mehr zurückhalten. Bitte sag Caroline sie muss sofort damit aufhören, das darf sie nie wieder machen. Sie sitzt da oben mit rein gar nichts an.“
Carolines Oma verfügte über eine gute Portion Humor, verkniff sich ein Grinsen und versprach, dieses Aufsehen sofort zu beenden.
Enttäuscht und erschreckt zogen sich die beiden Mädchen in den Garten zurück. Dieser blöde, behinderte Erwin! Den würden sie nie wieder grüßen.
„Ihr dürft dem Erwin nicht böse sein“, erklärte ihnen die Oma. „Er hat den Sex halt eben während des letzten Krieges kennengelernt. Erwin war früher ein stattlicher Mann, nur eben autistisch, man sah ihm aber keine Behinderung an. Hitler hat ihn unterbinden lassen, doch alles andere hat noch funktioniert.
Die Männer des Dorfes waren allesamt an der Front, doch die Frauen hatten nach wie vor ihre Bedürfnisse. Im Schutz der Verdunkelung schlich eine Frau nach der anderen in das Haus neben der Kirche, jede Nacht, und die Schwestern geleiteten sie zum Bett ihres Bruders. Wegen der völligen Dunkelheit wusste er nie, welche bei ihm gewesen war. Heute sind das angesehene Dörflerinnen“, erzählte sie weiter.
„Das ging so lange, bis die Männer aus dem Krieg zurückgekehrt sind. Das Leben nahm seinen Lauf, so als ob nichts gewesen wäre. Keiner sprach mehr darüber, und Erwin schien es auch vergessen zu haben.
Foto: Leah Hetteberg / unsplash
© Lilie 2022-11-30