Liebes Tagebuch,
ich habe dich leider nie zur Welt gebracht, obwohl ich so lange mit dir schwanger war. Es haperte an Äußerlichkeiten. Mir schwebte ein schönes romantisches Büchlein mit Büttenpapier und womöglich Goldschnitt vor, und nicht ein banales Schulheft mit herausgerissenen Seiten vom letzten Schuljahr. Einmal habe ich begonnen, selbst ein Tagebuch-Album zu basteln, das meiner Gedanken würdig sein sollte. Mit bunten Blättern, die ich aus Kalendern und Heftumschlägen schnitt, habe ich eine Mappe auf sehr kreative Weise zusammengeflickt und meine Aufzeichnungen in Schönschrift begonnen. Leider war das meine schwache Seite – meine Schrift war nicht schön. Die Illustrationen, die ich irgendwo abzeichnete, waren auch stümperhaft und unbefriedigend. Im Fach Schönschreiben und Zeichnen bekam ich immer den einzigen Zweier im Zeugnis. Unzufrieden versandete das Heft irgendwo.
Ein Poesiealbum, in das meine Freundinnen, die Familie und einige LehrerInnen Sinnsprüche verziert mit Zeichnungen eintrugen, füllte die Lücke und war eine Zeitlang mein wohlbehüteter Schatz. Das wiederum versaute mein älterer Bruder, weil er ein verrücktes Klavier mit wirrem Klavierspieler hineinfetzte – anders konnte man es nicht bezeichnen. Das angepasste Mädchen traute sich nicht, das Buch weiterzugeben und so blieben viele Seiten leer. Aus heutiger Sicht ist diese Zeichnung der künstlerischste und liebenswerteste Beitrag, neben all den Rosen, Tulpen, Nelken, aber das verstand ich damals noch nicht.
Als meine Kinder auf die Welt kamen, begann ich Fotoalben zu führen, mit Texten, die mir gerade so einfielen, man könnte fast sagen Fototagebücher – etwa 90 an der Zahl in 45 Jahren. Und doch bist es nicht du – mein ersehntes Tagebuch!
Aber du lebst. Du lebst in meinem Inneren als kostbares Kleinod. Was habe ich dir nicht schon alles anvertraut an geheimen Gedanken und Wünschen. Und manchmal blättere ich in dir und entdecke wundersame Begebenheiten und fröhliche sowie traurige Versuche, mit dem Leben zurechtzukommen. Ja, auch Sinnlichkeit, Leidenschaft und romantische Träume finden sich genauso wie Verletzungen, Einsamkeit und Schuld.
Heute könnte man, wenn man wollte, meine story-one-Geschichten zu einem Tagebuch zusammenfassen, aber dann doch wieder nicht. Ich schreibe von vielen Erinnerungen, Erlebnissen und Gedanken, aber einem Tagebuch vertraut man doch auch Geheimnisse an und die will ich in der Öffentlichkeit nicht kundtun. Der Grund ist nicht, dass sie so schrecklich sind oder dass ich mich schäme – auch nicht, weil jemand Falscher es lesen könnte. Nein, es ist vielmehr, dass es so schön ist, Geheimnisse zu haben. Etwas zu besitzen, von dem niemand weiß, das niemand beurteilen, bewerten oder gar zerpflücken kann. Es ist ganz intim, tief verborgen und manchmal weiß ich selbst nicht einmal, was es ist.
Vielleicht wirst du, mein liebes Tagebuch, einmal deine Geheimnisse offenbaren – nur mir ganz allein.
© Christine Sollerer-Schnaiter 2022-03-25