Sommerhitze in der Stadt, ich klebe am Bürosessel, noch eine Stunde, dann steige ich in die U2 und fahre hinaus. Bis zur Endstation und dann mit dem Bus noch weiter, bis dorthin, wo die Häuser niedrig sind und der Himmel sich mit den Feldern trifft. Eine leichte Brise belebt die warme Luft, die Stadthitze ist nicht mitgefahren. Die Tür des alten Eisenzauns quietscht rostig, der Boden ist weich, es riecht nach Erde.
Seit einem Jahr habe ich hier einen Bioacker gepachtet. 80m2, da hat viel Gemüse Platz. Und viel Vorfreude. Zwölf verschiedene Feldfrüchte sind in langen Reihen auf jedem Acker vorgepflanzt. Alles bio, ohne Dünger und ohne Insektengift. Eine Initiative der Stadt für die betonbedrückten Bürger und jene, die gerne wissen wollen, woher ihr Gemüse kommt. Rundherum sind weitere Felder, manche mit Blumen gesäumt, in einigen eine kleine Bank oder ein Sonnenschirm. Liegestühle sieht man keine. Schließlich ist man ja nicht zum faulenzen hier. Vereinzelt sehe ich die gebeugten Rücken der Feldnachbarn. Sie halten Zwiesprache mit ihren Früchten, seltener mit mir. Hier ist jeder still für sich und genügsam im Austausch. Ja, die Radieschen sind diesmal besonders scharf und nein, die Tomaten sind noch nicht so weit. Beim Brunnen trifft man sich dann zum Gemüsewaschen und freut sich über anerkennende Worte zur Ernte.
Manchmal sind auch Kinder hier. Ich beobachte ihre Freude, wenn die ersten Pflanzen austreiben und sie die künftige Frucht erkennen. Viel gießen ist ihr Ausdruck intensiver Zuwendung, daher schwimmt hier manchmal mehr als gut ist.
Bio heißt auch, dass alles was lebt, auch hier sein darf. Das weiß auch das Unkraut. Eine Vielfalt an Würmern, Käfern und Schnecken begrüßt mich, ich erkenne auch verschiedene Nagespuren und vieles was Flügel hat, erfreut sich offensichtlich ebenfalls an meinem Gemüse. Aber es bleibt genug für mich, mehr als genug.
Am besten gedeihen die roten Rüben. So haben wir sie aber nie genannt, Rohner ist ihr wirklicher Name, sagt mein steirischer Vater. Sie sind die einzigen, die sich gegen allerlei Getier und Unkraut robust durchsetzen. Die Blätter dekorativ abgespreizt, die Knollen halb in der Erde, zeigen sie nach dem Ausgraben teilweise erstaunliche Ausmaße. Weil ich neugierig bin, muss ich sie sofort anschneiden. Ich will sie riechen und spüren, der Saft rinnt über meine Finger und der erdige Duft beflügelt meine Kochfantasien. In tiefer Hocke arbeite ich mich die Pflanzreihen entlang und berge meine Schätze. Meine Hände wühlen sich wurzeltief in den feuchten Boden. Leise schmatzend lassen sich die roten Knollen heben. Aufgereiht liegen sie nun da, eine neben der anderen. Soviel ich kann, verstaue ich in meinem Rucksack, morgen werde ich wiederkommen.
Hoch zufrieden, mit roten Fingern und schmutzigen Knien fahre ich nach Hause. Ich bin glücklich und so reich, dass ich meine Nachbarn und Freunde beschenken kann.
Veronika Maierhofer
© Veronika Maierhofer 2021-03-12