Das Schiff, der Eisberg, der Kalte Krieg

Michael Schaake

von Michael Schaake

Story
Spitzbergen 1989

Am 11. Juni 1989 startete das sowjetische Kreuzfahrtschiff TS Maxim Gorki mit 577 Passagieren an Bord in Bremerhaven, Richtung Norden. Am 19. kurz vor Mitternacht kollidierte es vor Spitzbergen mit einem Eisfeld, bekam Schlagseite und drohte zu sinken. In einer dramatischen, aber gut koordinierten Aktion wurden die Passagiere und ein Teil der Besatzung über Rettungsboote und Eisschollen evakuiert, ohne Panik und alle unverletzt. Nach Stunden nahm das kleine norwegische Küstenwachschiff Senja alle an Bord und brachte sie zum Hafen Longyearbyen, wo sie am Morgen des 21. eintrafen. Großes Glück: Mitternachtssonne, nicht dunkel, wenig Wind, und es war nicht ganz so kalt. Diese Story muss jemand anders schreiben, ich war nicht dabei.

Zurück zu der besagten Nacht: Gegen 3 Uhr wurde ich, VKL der Fa. Phoenix Reisen, die die Maxim auf dem deutschen Markt anbot, von Chef Johannes in Bonn aus dem Bett geklingelt: „Michael, zieh Dich warm an, nimm eine Reisetasche mit, Du musst nach Spitzbergen, die Maxim geht unter.“ Gesagt, getan! Am Abend flogen ich und Kollege Hubert von Düsseldorf aus nach Longyearbyen, um dort Passagiere und Reiseleiter mit zwei Charterfliegern abzuholen. Hubert übernahm die Organisation, ich TV und Presse, die auch mitwollten. Der Chef hatte mir eingeschärft, nur das Öffentlich-rechtliche mitzunehmen und die dpa, keine privaten Sender und Presse. Die Reporter der Bild drohten mir, wenn ich sie nicht mitnehme, würden sie dafür sorgen, dass ich meinen Job verliere und in der Branche nie mehr ein Bein auf die Erde kriege. Vergeblich, wir flogen ohne sie, ich behielt meinen Job – und sie kamen zeitgleich mit uns in Spitzbergen an, sie hatten sich einen kleinen Jet gemietet. Am dortigen Flughafen angekommen stürzten sie sich auf die Passagiere auf der Jagd nach Drama, Interviews und Schlagzeilen. Sie fanden schließlich einen jungen Mann, der mit einer Trage an Land gebracht wurde – war ein Kollege, der sich ein paar Tage vorher beim Sport an Bord das Bein gebrochen hatte.

Wir flogen in aller Ruhe nach Hause, alle schliefen auf dem Flug erst mal aus. Die Passagiere blieben unsere Stammgäste, es kamen neue hinzu. Dem Kollegen Winfried, Cruise Direktor an Bord, wurde für seinen Einsatz bei der Evakuierung des Schiffes das Bundesverdienstkreuz verliehen

Im Dezember des gleichen Jahres schrieb die Maxim Geschichte, als sich US-Präsident George Bush und Michail Gorbatschow, Generalsekretär der KPdSU vor Malta auf dem Schiff trafen, um den Kalten Krieg zu beenden.

Foto: Packeisgrenze bei Spitzbergen, bei einer anderen Fahrt mit de Maxim aufgenommen.

© Michael Schaake 2020-08-21

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