DAS SCHÖNE HÄNDCHEN

Micaela Hemesath

von Micaela Hemesath

Story

„Pssst! Leise!“ Vati stand an meinem Bett und bat mich, ganz leise aufzustehen, er hätte eine tolle Überraschung für mich! Wir machen einen Ausflug, ohne Mutti. Als 5 Jährige war ich gleich aufgeregt dabei, zog mich ganz leise an und verließ mein Kinderzimmer, nicht wissend, dass es für länger sein sollte.

Der neue DKW stand fertig gepackt vor dem Haus in München. Da ich so neugierig war und es ganz toll fand, dass mein Vati mit mir alleine weg fuhr, fragte ich auch nicht weiter nach und saß wie eine Große auf dem Beifahrersitz. Es ging durch die Stadt, viele Ruinen, wenig Verkehr, auf die Land Straße. So gut es ging, versuchte ich rauszuschauen, aber meistens sah ich nur Wolken und hohe Bäume. Einem Kind wird ja schnell langweilig und so begann ich mit der Fragerei: „Wohin fahren wir? Warum ohne Mutti? Wann sind wir da?“

Vati war ziemlich einsilbig, eigentlich eher mürrisch. Ich beobachtete diesen großen Mann, wie er geschickt sein Auto lenkte und versuchte >artig< zu sein. Das Highlight war ein Picknick auf einer mitgebrachten Decke. Noch heute kann ich mich an das karierte Muster erinnern. Dann war ich müde, er auch und wir schliefen einfach ein.

Nach unendlich langer Fahrerei eröffnete er mir, dass ich eine Weile zu Oma und Opa kommen würde. Oh nein! Ich konnte mich an die strenge, unsympathische Mutter meines Vaters erinnern. Mein Hund Veikko biss sie in die Hand, was mich leider freute. Sie war nur einmal zu Besuch, aber das reichte mir, um sie nicht zu mögen!

Als wir in Nord Hessen ankamen, einem kleinen Dorf, stand sie schon im Eingangsraum eines kleinen Häuschens. Sie wollte mich küssen, was ich nicht zuließ.

Jetzt begann ein Leben, was ich immer noch so abgespeichert habe, dass es nach dieser langen Zeit total schmerzt! Mein Vater hatte mich während des Scheidungs Prozesses meiner Eltern entführt. Ohne Wissen meiner Mutter. Ich bekam einen groben Mantel, grauenhafte Buben Stiefel, eine Mütze, die aussah wie der Teufel und an meine kleinen Unterhosen, wurden lange Beine dran gestrickt.

Mein Opa, der Stiefvater meines Vaters, war Direktor in einem Gymnasium in Essen und nach dem Krieg, es herrschte Lehrermangel, ist er dort in die Dorf Schule als Lehrer geschickt worden. Eigentlich war er schon in Pension. Ich kam dort in die einzige Klasse die es gab und wurde schlechter behandelt, als die anderen Schüler. Als ich den Griffel in die Hand nahm, kam er und sagte: „Nimm das schöne Händchen!“ Als ich ihn nicht verstand, musste ich beide kleinen Hände auf die Bank legen und mit einem dünnen Rohr Stab schlug er zu! Es tat so grausam weh, dass ich fast ohnmächtig wurde. – So drillte man nach dem Krieg die Linkshänder.

Noch heute, wenn ich etwas schnell in die Hand nehme, was klarer weise links ist, überlege ich, ob ich nicht „das schöne Händchen“ nehmen muss! Ein Schaden, der in meiner kleinen Kinderseele angerichtet wurde, spürbar bis zum heutigen Tag. Wochen später durfte meine Mutter mich mit ihrem Rechtsanwalt nach Hause holen.

Micaela Hemesath

© Micaela Hemesath 2020-08-16

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