von Jennifer Corazza
Weder der Kabelsalat, der den GroĂteil des schwarz-weiĂ gekachelten Fliesenbodens bedeckte, noch die offenen Steckdosen, die das Wort Lebensgefahr in die kĂŒnftige Anlegestation des Twin-City-Liners brĂŒllten, konnten meine Begeisterung fĂŒr den hier entstehenden Ort mindern. âDie Bar wird sieben Meter lang seinâ, erklĂ€rt P. â der GeschĂ€ftsfĂŒhrer mit den neonpinken SchuhbĂ€ndern und dem V-Ausschnitt, der selbst Markus Schenkenberg imponiert hĂ€tte. Schon als ich den gastronomischen VorgĂ€nger im fĂŒnften Bezirk das erste Mal betrat, wusste ich: hier gehöre ich hin. Leider waren bis auf eine Dame, die frĂŒher sonntĂ€glich das Steak briet und den Legenden zufolge wĂ€hrenddessen starb, nur MĂ€nner zugelassen. Also wartete ich bis die kleine Schwester im ersten Bezirk das Licht der Welt erblickte. Im Sommer 2010 war es so weit: Ich warf mir die dunkelblaue Seemannskluft zum ersten Mal ĂŒber. Und war wie neugeboren.
Alles glĂ€nzte â die Murano-WeinglĂ€ser, die wir wegen Schwenk-Untauglichkeit jedoch bald austauschen mussten, das DJ-Pult, das bis heute nach Solomuns âCornflake Boyâ klingt und die sĂŒndteuren Kirschholz-Tableaus auf denen gerade einmal zwei Salbei-Limetten-Prosecco Platz hatten, um unversehrt an ihr Ziel zu gelangen. TschĂŒss Cheesy Bacon Cheese Burger und Jack Daniel’s Ribs â das ist jetzt mein neues Zuhause. Wenn nicht gerade der Orderman einen seiner regelmĂ€Ăigen SelbstzerstörungsanfĂ€lle erlitt, war Queens âDonât stop me nowâ das GefĂŒhl der Stunde. Denn was in Herrgottsnamen sollte man an diesem Kleinod des modernen Genusses nicht lieben?
Alles, wie es scheint, denn nur wenige Tage nach Eröffnung war sie da: die erste Restaurantkritik. SĂŒffisant titulierend: âDas todschicke Skelettâ. Und was thronte darĂŒber? Ein Bild von mir! Frisch geschossen, um die Lokalszene Wiens ĂŒber unsere Ankunft zu informieren. Nicht dass ich die ungewollte Assoziation mit meiner Figur als beleidigend empfunden hĂ€tte, aber mein Gesicht als Symbol einer Hetztirade war dann doch etwas zu viel der Ehre. Dem Herrn Kritiker passte nĂ€mlich gar nichts â weder das Kalbsschulterscherzerl noch die 97 anderen Speisen, die er scheinbar allesamt probiert hatte. Musste ein wahnsinnig hungriger Mann Ă la Mr. Creosote in Monty Pythons âSinn des Lebensâ gewesen sein. Wein, Service und Dessert blieben unerwĂ€hnt â wie das ein guter Restaurantkritiker eben so macht. Als Fazit lobte er alle umliegenden Lokale in den Himmel, aus deren Fenstern er â gastronomisch besser bewirtet â wohlwollend âauf das imposante Skelett am Donaukanal hinunterblicken wirdâ. Dass ein Gutteil der gepriesenen Lokale schon bald dichtmachen wĂŒrde, war weder fĂŒr ihn, noch fĂŒr uns ein Gewinn. Die zahlreichen positiven Kritiken und der Fakt, dass dieses architektonische Gerippe bis heute gut und gerne von GĂ€sten aufgesucht wird, aber schon. Gusto und Ohrfeigen sind wohl tatsĂ€chlich verschieden. Wobei ich mich immer wieder fĂŒr den Gusto entscheide.
© Jennifer Corazza 2020-08-25