von kleinschreibung
Karl Marx ist einfach larger than life mit seinen drei Kilometern Einkaufsstraßenflair. Was willst du KaDeWe, wenn du Neukölln Arcaden haben kannst, Kapitalismus in rot, Völker, hört die Signale, gleich ist Feierabend, auf zum letzten Geschäft. Das sind diese Gedanken, denen man nicht nachhängen darf, wenn man mit H&M-Tüten Selfies vor der Alten Post macht. In Berlin kenne ich mich sowieso null aus, hin zu fahren war eine Notlösung, ein last resort, cut my life into pieces. Irgendwie bin ich hier gelandet, natürlich ohne Plan oder Programm, weil sich lost fühlen eine Lebenseinstellung ist. Jetzt drücke ich mich an Menschen vorbei, alle von einem Shop zum nächsten flitzend und ist ja nicht so, als wäre ich besser.
In der ökologisch abbaubaren Papiertasche für 20 Cent, super woke, super nachhaltig, ein billig produzierter Sweater mit Inspoaufschrift: Smile Today, Peace und Emoji. Irgendwo hat das ein*e Arbeiter*in bedruckt, die Papiertüte als Stundenlohn, der Betrag, bei dem du an der Kasse überlegst, ob das Gekaufte nicht doch auch so mitgeht. Frieden und so.
Abwesend drücke ich mir den linken Kopfhörer wieder tiefer in den Gehörgang. Wie geil und Klischee wäre das jetzt Pennywise oder Anti-Flag zu hören, aber stattdessen kann ich seit drei Tagen nicht aus der Dauerschleife George Michael ausbrechen. Gebrochene Herzen tanzen keinen Pogo. Das wirklich unangenehme an Traurigkeit ist das elende Pathos, mit dem man das eigene Leid besingt, in dieser Stadt mit den riesigen Straßen, die noch größere Namen tragen. Berlin ist wie der Fick von Stadtplan und Geschichtsbuch, über den das 21. Jahrhundert Starbucksfilialen und Amazonabholboxen streut.
„Nur Liebesbriefe“ hat irgendein copycat Neuhippie auf den Schlitz eines öffentlichen Briefkastens geschrieben und ich habe das Bedürfnis einen Feuerwerkskörper hineinzuwerfen, weil das gesamtgesellschaftlich wahrscheinlich genauso viel Impact hätte wie ein Liebesbrief an Jeff Bezos. Enteignung, aber zärtlich, marxistische Gedanken und aussichtslose Ohnmacht. Gentrifizierung ist auch hier ein Thema. Zwischen 3,6 Millionen anderer Biografien fühlt sich die Tragik des eigenen Lebens besonders narzisstisch an, die Konterrevolution heißt Selbstmitleid.
Auf der anderen Straßenseite steht eine Frau und schreit wahllos Leute an. Die meisten ignorieren sie mit routinierter Ernsthaftigkeit. Ihr Unglück mehr als ein Careless Whisper und ich wünschte, unsere Stimmen könnten einander auffangen und tausendfach verstärken. Dann braucht man keine Liebesbriefe schreiben, um gehört zu werden, den Schmerz betäubt die Wut des Kollektivs. Geh mal wieder raus, mach Lärm, im Plattenbau sieht man die Sterne nicht.
Ich ziehe die Kopfhörer aus meinen Ohren und höre Neukölln.
© kleinschreibung 2022-02-07