Der einsame Kiwi

Klaus P. Achleitner

von Klaus P. Achleitner

Story

Da hängt sie oben, die kleine Kiwi-Frucht. Die chinesische Stachelbeere. Ziemlich groß für eine Beere. Eigentlich dürfte die da nicht hängen. Den Kiwibaum hab ich einst eigenhändig an der Südwand der Garage als Spalierbaum gepflanzt. Im NZ-Urlaub hatte ich Gefallen an dem Exoten mit den haarigen, intensiv grünen Blättern und den pelzigen Früchten gefunden.

Mein Gärtner hatte mir abgeraten. Das Klima sei im Voralpenland auf 650 m Seehöhe zu streng für eine subtropische Pflanze. Es war mir egal und er machte sein Geschäft. Ich pflanzte den Kiwi in meinen Boden, so wie ich es mir im “Kiwifruit Country” in NZ ausgemalt hatte.

Anfangs wuchs er wenig, doch nach ein paar Jahren trieb er mit einer Dynamik aus, die mich staunend machte. Ich schraubte Querhölzer an die Wand, damit sich mein Kiwi mit den Ästen festklammern konnte. Jahre später erreichte er die Dachrinne, umschlang sie zärtlich und begann mit der Erkundung des Daches.

Je mehr Gartenschere und Baumsäge zum Einsatz kamen, desto stärker trieb Mr. Kiwi aus. Er tastete sich um die Hausecke auf die Westfassade vor, befummelte ein Stiegengeländer und flirtete mit dem Dachgiebel. Sogar in den nicht ausgebauten Dachboden drangen seine neugierigen Triebe ein. Hätte ich ihn gelassen, er hätte die Garage umarmt wie ein liebestrunkener Octopus einen neugierigen Taucher.

Der subtropische Exot überstand eisige Kältewellen, Stürme, meterhohen Schnee, Hitze und meine Rückschnitte. Wohlmeinenden erschien er nutzlos. Ich aber plante eine Pergola, auf der sein Blätterdach weiterwuchern könnte. Eine Laube zum Lustwandeln, zum Niederlassen, auf das mir die Früchte quasi in den Mund wüchsen.

Doch Früchte schenkte er mir nie. Ich nahm an, der Baum könne sich ohne einen gegengeschlechtlichen Partner nicht fortpflanzen. Da mochten ihn die Bienen bezirzen, wie sie wollten. Bis zu jenem Sommertag vor drei oder vier Jahren. Da sah ich sie, die eine Frucht, klein und hart, mitten im Geäst. Unbefleckte Empfängnis? Ein Wunder? Eher ein Hybrid.

Ich kann es nicht verhehlen, fast fühlte ich so etwas wie Vaterstolz. Mein 20 Jahre gehegter und gepflegter, viel geschmähter und so in die Garage vernarrter Kiwibaum trug Früchte. Also, exakt eine. Dieser schaute ich wochenlang beim Wachsen zu und erntete sie, als ich vom Zuschauen genug hatte. Sie war wohlschmeckend.

Dann fiel er in alte Verhaltensmuster zurück, verzichtete auf Früchtchen und fuhr fort, die Garage zu bedrängen. Aus der Pergola wurde leider nichts, denn die Garage wich einem Wohnhaus. Eine Umsiedelung ins Freiland kam nicht infrage. An das eigene Wohnhaus konnte ich ihn nicht pflanzen, denn seine Liebkosungen wären mit dem Antlitz des Hauses nicht in Einklang zu bringen gewesen.

So fiel der stolze Kiwi der Motorsäge zum Opfer. Sein in ofengerechte Scheite zersägter Stamm wärmte das Wohnzimmer (und mein Herz) viele Abende. Eine einzige Frucht hat er mir in 22 Jahren geschenkt. Selten wurde so ein Aufwand für eine Kiwi getrieben!

© Klaus P. Achleitner 2021-03-11

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