Der ewige Brieffreund 1

BlueEyed

von BlueEyed

Story

Ich schreibe gern, nicht nur Kurzgeschichten, sondern auch mit Menschen. Immer schon schrieb ich lieber Mails oder chattete ĂĽber Facebook, WhatsApp und Co als zu Telefonieren. So kommt es, dass ich seit fast 1 ½ Jahren eine Art „Schreibfreundschaft“ pflege, die mir nach wie vor so einige Rätsel aufgibt – Dating-Zeichen XY ungelöst?

Wie so oft begann es über Tinder, wir tauschen ein paar witzige Nachrichten aus und verstanden uns auf Anhieb gut. Er war ein etwas nachdenklicher und melancholischer Typ. Aber irgendwie waren wir auf einer Wellenlänge und die Gespräche wurden tiefgründiger. Er erzählte mir, dass bald eine berufliche Entscheidung anstand und er womöglich beruflich ins Ausland musste. Das benutzte er auch als Ausrede, wieso wir uns nicht treffen können, er hatte Angst, dass er sich Hals über Kopf in mich verlieben würde und wir dann beide unter der Entfernung leiden würden. Ich war etwas verwundert, dass er so dachte, schließlich kannten wir uns ja gar nicht in real. Woher also sollte man wissen, ob es funken würde oder nicht? Auch wenn ich nicht nachvollziehen konnte, wieso er sich nicht treffen wollte, spielte ich weiterhin das Spiel mit und wir hielten weiterhin Kontakt, als er beruflich im Ausland war und das über Monate. Täglich erzählten wir uns von unserem Alltag. Und so blöd es klingt, irgendwie hatten wir übers Schreiben auch eine Art Bindung aufgebaut und er sprach auch von Gefühlen. Auch in mir hatte sich da „Etwas“ entwickelt. Nach wie vor war ich der Meinung, auch wenn er beruflich für ein paar Monate weg war, könne man sich doch mal treffen, wenn er mal für ein paar Tage in Wien war.

Mein Geburtstag rückte näher und er versprach mir, dass er Ende Jänner einen Flug buchen würde und wir uns dann treffen. Ich freute mich schon riesig drauf, jedoch umso näher der Termin rückte, desto mehr wurde darüber geschwiegen. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und fragte nach, wann er denn nun genau nach Wien käme. Daraufhin wurde er komisch, er hatte erst vor kurzem einen geliebten Menschen verloren, mit dessen Verlust er nur schwer umgehen konnte. Das wusste ich. Aber was hatte das mit mir/uns zu tun? Er schrieb mir, dass er nochmal drüber nachgedacht hatte und dass er das mit „uns“ einfach nicht könne, er kann sich auf keinen anderen Menschen mehr einlassen, aus Angst ihn dann wieder zu verlieren. Weiters meinte er, es wäre wohl besser den Kontakt abzubrechen. Ich war vor den Kopf gestoßen und kam ihm zuvor, indem ich unseren Match auf Tinder auflöste. Als Zeichen, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Doch das habe ich zu einem späteren Zeitpunkt bitter bereut. Als die Corona-Pandemie begann und gerade in der Stadt, in der er beruflich war, COVID-19 besonders wütete, dachte ich sehr oft an ihn. Ich erinnerte mich daran, dass ich ja noch seine Mail-Adresse hatte und so schrieb ich ihm, ob es ihm eh gut ginge. Tage vergingen, keine Reaktion. Würde er noch antworten?

© BlueEyed 2021-05-18

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