von Florian Beier
Das Wasser glitzerte von unten herauf, dass es ihn fast blendete. Es war einer dieser Sommertage, von denen man nicht ahnen konnte, dass sie vergehen. Die letzten Tage des Junis, wenige Wochen vor dem Sommerferien, die vermutlich beste Zeit für eine Mutprobe. Er stand auf dem höchsten Punkt des Felsens, des verdammten, riesengroßen Steins, der mitten aus dem Fluss aufragte. Er hatte so lange gezögert, dass seine Haut schon längst wieder in der Sonne getrocknet war, seine Nackenhaare sträubten sich beim Blick nach unten. Er wankte. Spring endlich. Er durfte nicht kneifen, er durfte es einfach nicht. Es lag nicht daran, dass sie zusahen, es lag daran, dass ER zusah. ER, dessen rote Badehose nun von der anderen Flussseite herüberblitzte. Nur seinetwegen stand er überhaupt hier – wegen ihm, dessen anmutiger, aufrechter Gang mit den Muskeln, die auf seinem Rücken spielten, ihm Gänsehaut verursachte. Wegen der blonden, feinen Härchen auf seiner vom Sommer verdunkelten Haut. Es war beinahe unmöglich, ihn nicht bewundernd zu mustern wenn man vor ihm stand und es blieben ihm stets nur wenige atemlose Augenblicke, bis er den Blick abwandte um nicht von seinen Augen enttarnt zu werden. Es waren die seltenen Momente in denen sich ihre Blicke wie Klingen kreuzten und es in seinem Körper heißer brannte als ein Lavastrom. Nur noch wenige Zentimeter trennten ihn von der Kante, danach erst einmal sieben Meter gar nichts, dann das Wasser. Seit Atem ging nun schneller, ihm wurde klar wie verrückt die Dinge waren, die man tat wenn man so jung war. Zu jung und zu feige für ein Lächeln, ein Innehalten, eine Berührung. Stattdessen würde er zuerst springen, untertauchen, auftauchen, nach Luft schnappen und seinen Blick suchen, halten und dann lächeln. Alles in diesen Blick legen, durch den ER einfach spüren würde, was er fühlte. Worte waren schwer. Springen war schwer. Doch er würde beides tun. Es waren die letzten Sekunden eines alten Lebens, nichts würde danach sein wie zuvor. Noch nie fühlte er sich lebendiger, sein Herz bis zum Horizont aufgespannt. Verdammt. Einen Augenblick noch die Augen schließen, den Wind spüren, die Arme breiten und fliegen.
© Florian Beier 2022-06-22