von Irene Werren
Nando ist verwirrt, und das nicht zum ersten Mal. Seit drei Tagen ist sein Lieblingsmensch ununterbrochen zu Hause. Keine Fahrt in die Stadt, keine Einkäufe, nichts. Nicht einmal zur Arbeit geht sie hin, und DAS will was heißen! Nun, eigentlich sollte er sich darüber freuen, würde er sich ja auch, wenn sie nur …tja, wenn sie nur aufstehen würde. Da liegt sie, angetan mit Pyjama und Kapuzenjacke schlotternd unter dem dicken Federbett, ein roter Nasenspitz schaut trostlos glühend hervor. Manchmal scheint es, als hätte sie einen bellenden Hund im Bett versteckt. Das wäre ja noch schöner! Beim ersten Mal ist er so erschrocken, dass er von der Bettdecke gesprungen und mit einem Rückwärtssalto auf dem roten Ledersessel gelandet ist. Nun, diesen Feind in ihrem Bett hat er inzwischen besiegt. Er lässt sich nicht mehr so leicht ins Bockshorn jagen. Nando macht sich große Sorgen. Seine Spaziergänge draußen werden auf ein Minimum reduziert, er kommt sofort wieder heim zu ihr aufs Bett und tanzt aufmunternd mit nassen Pfötchen über ihr Gesicht. Sie glüht wie ein Ofen, das ist auch völlig neu. Was hat sie bloß? Er schmiegt sich tröstend ganz nah in ihre Kniebeuge und hält sich stundenlang still-wenn sie es bloß auch wäre. Aber nein, unablässig streichelt sie ihn, seine Ohren, sein nasses Fell, bis es ihm zuviel wird. Dann dreht er sich weg aus ihrer Reichweite. Sie darf einfach nicht vergessen, seinen Futternapf aufzufüllen. Und der ist ziemlich leer. Er lässt sie keinen Augenblick aus den Augen, stupst sie zärtlich an mit seiner Nase und setzt sich vors Bett und miaut leise. Erstmals. Wie aus einer anderen Sphäre kommend wird sie wach, sieht ihn mit glasigen Augen an und taumelt aus dem Bett. Oje, was ist nur plötzlich aus ihr geworden? Er verfolgt sie auf Schritt und Tritt. Sie trinkt einen Tee, knabbert an einem grauslichen Zwieback, verschwindet hinter einer Tür und taumelt zurück in die Küche. Hier muss sie unweigerlich vorbei, wenn sie ins Bett zurückgehen will. Er setzt sich deshalb mitten in den Raum und dreht ihr demonstrativ den Rücken zu. Weil sie nicht reagiert, dreht er ihr sein Köpfchen zu mit dem fragenden Blick: „Wo bleibt mein Lohn? Ich schaue doch auch sehr gut zu dir! Ich lasse dich nicht allein- und trotzdem ist mein Fressnapf gähnend leer“. Sie nimmt ihn einen Moment hoch und drückt ihren glühenden Kopf in sein naturfrisches Fell. Sie bedankt sich auch bei ihm für seine wertvolle Hilfe, er sei der beste Pfleger überhaupt! Nun ja, diese Worte lassen ihn über sich herauswachsen. Und was macht sie? Sie greift zu den leckersten Goodies, die es nur zu besonderen Gelegenheiten gibt. Und sie schreibt wieder mal eine Story – über ihn. Sie ist es also doch noch – sein Lieblingsmensch!
© Irene Werren 2023-10-31