Der Internierte und ich

Sandro Kaspar

von Sandro Kaspar

Story

Als Kind ein Instrument spielen zu lernen, ist so eine Sache. Entweder man hält irgendwie durch, wechselt das Instrument oder gibt auf. Mein Glück war ein Internierter, und das kam so.

1944 wurden viele ausländische Militärpersonen in unserem Dorf untergebracht, vor allem aus Polen und Italien. Sie waren aus verschiedenen Gründen in die Schweiz geflüchtet, wo sie vorübergehend als Internierte aufgenommen wurden. Meine Mutter war Tessinerin, also Italienisch sprechend. Deshalb lag nahe, dass sie der Sprache wegen einigen 20- bis 25-jährigen internierten Italienern ermöglichte, in unserem Haus regelmässig zu proben. Ein Pianist, ein Violinist, ein Cellist sowie sporadisch ein Tenor, alle bereits Berufsmusiker.

Ich war damals acht Jahre alt, begann gerade mit dem Violinunterricht und musste furchtbar langweilige Übungen mit einfachen Tönen spielen. Meine Geigenlehrerin meinte, ich müsse jeden Tag 20 Minuten üben, was ich auch pflichtbewusst, aber ohne Begeisterung, tat. Waren genau 20 Minuten um, versorgte ich das Instrument zurück in den Kasten, auch wenn nicht einmal eine Notenzeile fertig gespielt war.

Bis der internierte Pianist Ottorino Gentilucci, einer der drei Musiker, kam. Mit ihm fiel üben leichter. Er improvisierte auf dem Flügel schönste Akkorde und Verzierungen zu meinen simplen Noten. Meine kratzenden Töne klangen mit dieser Begleitung sofort um mehrfaches besser. Fleiss und Freude am Geigenspielen wuchsen dank diesem Pianisten ständig. Ich wurde motiviert, auch länger als die 20 Minuten zu üben. So hat mir Gentilucci den Einstieg ins Violinspiel um einiges erleichtert, mit dem Resultat, dass ich diesem Instrument bis zum heutigen Tag treu geblieben bin.

Aus Dankbarkeit für die Möglichkeit, bei uns zu Hause in dieser schwierigen Zeit zu musizieren, widmete Gentilucci meiner Mutter einige Klavierkompositionen. Auch für mich schrieb er ein kurzes, einfaches aber hübsches Stück für Violine und Klavier namens «Walzer dei fiori», Blumenwalzer. Alle diese handgeschriebenen Originalpartituren besitze ich noch heute.

Nachwort.

Ottorino Gentilucci wurde nach Kriegsende Professor am Mailänder Konservatorium. Er schrieb musiktheoretische Abhandlungen, eine Klavierschule und komponierte mehrere Werke, meistens für Klavier und Gesang. Der eingangs erwähnte Tenor war Giuseppe di Stefano. Er wurde einer der berühmtesten Tenore seinerzeit, sang an fast allen grossen Opernhäuser der Welt, häufig zusammen mit der Sopranistin Maria Callas.

© Sandro Kaspar 2021-02-17

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