von Franz Brunner
Gestern noch hatte ich das Ende des Gartens nach kaum einer Minute und etwa 40 Schritten erreicht, heute und bei meinen aktuellen AbmaĂen wird eine Tagestour durch einen gefĂ€hrlichen Dschungel draus. Ich kann mich gerade auch nicht zwicken, um festzustellen, ob die Situation real oder nur ein böser Traum ist, MarienkĂ€fer können das nicht. Ja, tatsĂ€chlich, ich bin ein MarienkĂ€fer von gerade mal 8mm horizontaler KörpergröĂe, vertikal istâs noch weniger. Kann es sein, dass ich gestorben bin und meine Karmapunkte fĂŒr nicht mehr gereicht haben? Sollte ich vielleicht sogar froh sein, nicht als Regenwurm oder kleine, schleimige Schnecke wiedergeboren zu sein? MarienkĂ€fer, die mag der Mensch zumindest, die haben einen Liebreiz-Bonus, da steigt man(n) und Frau nicht einfach so drauf. Bei aller Zuneigung, die ich zu erwarten habe, wenn ich an meine Verpflegung denke, wird mir augenblicklich ĂŒbel. BlattlĂ€use soll ich fressen, noch dazu in groĂer StĂŒckzahl. Und nicht zuletzt deswegen mögen mich die Menschen, allen voran die Gartenbesitzer. Wenn ich wĂŒsste, mit wem ich verhandeln könnte, wĂŒrde ich gerne auf ein Teil der Zuneigung verzichten und dafĂŒr Vegetarier sein dĂŒrfen. Ja doch, ich wĂ€re ungemein gerne und absolut freiwillig Vegetarier, aber wenn ich jetzt aus der Reihe tanze, wird’s schwierig mit dem Sammeln von Karmapunkten. Und die brauche ich dringend, wenn doch irgendwann wer auf mich drauftreten sollte. Unabsichtlich, versteht sich, ich bin ja beliebt.
Noch bin ich ohne Plan, wie ich’s angehen soll. Gartenparadies hin oder her, es ist alles so verdammt groĂ. Im frĂŒheren Leben, als Prachtexemplar von Mensch, da war ich einmal in Sri Lanka und stand vor dem gigantischen, beeindruckenden Sigirya-Felsen. Und heute geht’s mir Ă€hnlich. Ich krabble am FuĂe eines Monstrums von Kompost-BehĂ€lter orientierungslos herum, im hintersten Eck des Gartens, der Blick nach oben ist furchterregend. Eine glatte Wand und viel Schatten, das hat nichts Beruhigendes.
NatĂŒrlich könnte ich einfach wegfliegen, die Natur hĂ€tte das so vorgesehen. Doch zum einen hab‘ ich’s noch nie probiert, das ist mir fĂŒr den Anfang zu riskant, zum anderen wĂŒrde ich liebend gerne hierbleiben. Immerhin ist’s mein eigener Garten, in dem ich herumirre, da lasse ich mich nicht so ohne weiteres vom Winde verwehen. Ich bin quasi der flugunwillige Platzhirsch in diesem Dschungel, einen Vorteil sehe ich darin allerdings derzeit nicht.
Ein Grashalm schaut wie der andere aus, auĂerdem ist der Boden ziemlich vermoost, da dĂŒrfte der GĂ€rtner seine Aufgaben vernachlĂ€ssigt haben. Vielleicht ging das in die Karmapunkte-Bilanz mit ein, doch sollte ich jemals wieder imstande sein, in diesem Garten Hand anzulegen, gelobe ich Besserung und viel persönlichen Einsatz. Jetzt kĂ€mpfe ich mich erstmal bis zum Haus durch, dort fĂŒhle ich mich sicherer. Auf gehtâs, bevor’s finster wird. Soviel ich weiĂ, bin ich ja tagaktiv. Also, Augen zu und durch. Reisebericht folgt.
© Franz Brunner 2021-03-10