Der Kummetmacher

Hannes Stuber

von Hannes Stuber

Story

1961 – 1967

Das Einzige, das ich von meinem Großvater, dem Vater meiner Mutter lernte, war das lautlose, kaum sichbare Sprühen einer Fontäne winziger Tröpfchen aus dem Mund. Der Alte mochte mich und meine beiden Brüder nicht besonders, da seine einzige Tochter einen Dahergelaufenen geheiratet hatte. Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg als Jugendlicher mit seiner Familie geflohen und in einem Weinviertler Dorf gelandet. Er war, wie alle Flüchtlinge, nicht sonderlich gerne gesehen. Wir wohnten am Ortsrand, wie Zigeuner oder Fremde, in der aus zwei Gassen bestehenden Batschka-Siedlung.

Dieses lautlose Exponieren einer breit gestreuten Tröpfchenfontäne geschieht, indem man den Unterkiefer vorschiebt und die Zunge auf den Gaumen presst, sodass die Tröpfchen ein bis zwei Meter weit fliegen. Besser kann ich das nicht erklären. Ich saß als Kind manchmal mit dem Großvater unter der großen Linde vor seinem Haus, und wir beobachteten die Dorfstraße. Hier sah ich, wie er immer wieder eine feine Fontäne aus seinem Mund schleuderte, meistens nach dem Essen.

Ich versuchte das auch, und nach einigen Jahren beherrschte ich es, ohne zu wissen, wie ich es gelernt hatte. In meiner Jugend sorgte ich damit für Überraschungen, weil die Anwesenden nicht wussten, woher der lautlose Sprühregen kam. In der Unterstufe des Gymnasiums konnte ich damit meine Mitschüler zum Lachen bringen. Als ich einmal, da ich direkt vor dem Lehrertisch saß, der Lehrerin eine Tröpfchenwolke auf ihr Skriptum verpasste, hagelte es eine Rüge, später ein Nicht-Genügend und eine Nachprüfung im Herbst. Allerdings war ich in diesem Fach eh schlecht.

Der Großvater war der Sattler des Dorfes und musste als solcher nicht mehr in den Zweiten Weltkrieg einrücken. Im Ersten hatte er gedient, zu Beginn des Zweiten war er dreiundvierzig Jahre alt, was das Regime nicht abgehalten hätte, ihn einzuziehen. Doch man brauchte ihn, es gab viele Pferde bei den Bauern des Dorfes.

Nachdem seine Frau an Krebs gestorben war, musste meine Mutter mit zwanzig Jahren dem Sattlermeister den Haushalt führen und durfte keine Lehre antreten. Manchmal begleitete sie ihn bei seinen Touren, wo er sich um die Sättel und Kummete kümmerte, etwa wenn er mit dem Pferdewagen zum Zuckermandelhof hinausfuhr, einem Gutshof, der fast schon in Silberwald lag.

Der Großvater machte unsere Schultaschen, manchmal einen Gürtel, einfach alles, was mit Leder zu tun hatte. Natürlich früher das Rüstzeug für Pferde, die Sättel, die Kummete. Für letztere benutzte er des Sattlers Ross, einen Holzbock, über dessen Kopf er das Leder spannte. In seiner Werkstatt hingen einige Kummete sowie die verschiedensten Geräte zum Bearbeiten von Leder an den Wänden.

Als es keine Pferde mehr im Dorf gab, sattelte der Alte um und wurde ein Tapezierer und Polsterer. Er überzog nun Möbel mit Stoff statt den Kummetbock mit Leder. Irgendwie gefiel ihm diese Tätigkeit nicht, hatte er doch sein ganzes Leben mit Leder zu tun gehabt.

© Hannes Stuber 2020-04-22

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