von Anna-Lena Renze
Hallo Mama,
ich liebe dich, ich habe dich immer geliebt und werde nie aufhören dich zu lieben! Ich möchte, dass du weißt, dass es nicht deine Schuld ist. Vergiss mich nicht!
In Liebe, Amelie!
Soll ich diesen Brief abschicken und einfach gehen? Es regnet, ich könnte zur Elbe gehen, mich von der Brücke stürzen und es alles endgültig beenden. Mein Leben hat keinen Sinn. Draußen vor der Haustür wird es mir trotz der dicken Jacke kalt, ich verabschiede mich von meinem Zuhause und begebe mich in den tiefen Regen. Jeder einzelne Wassertropfen läuft an mir herunter, meine Haare sind nass und mein Make-up verläuft in meinem Gesicht. Tiefe schwarze Ränder bilden sich unter meinen Augen und an der Brücke angekommen füllen sich meine Augen mit Tränen. Ich schaue von ihr herab in die Tiefe und sehe wie der Regen auf den Fluss prasselt. In meinen Händen spüre ich das Geländer, an welchem ich gerade hochklettere. Alles steht still, ich blende alles aus und mache mich zum Sprung bereit. Doch obwohl ich nur kaum etwas wahrnehme, höre ich eine Stimme, welche meinen Namen ruft. Ich schaue nach rechts und sehe David, der mit ausgestrecktem Arm in meine Richtung rennt und mir dabei irgendwas zu schreit. Das Bild verschwimmt und ich wende mich wieder dem Abgrund zu, doch ich überlege noch, ob ich es wirklich tun soll. Ich halte einen Moment inne und höre erneut die Rufe vom Bürgersteig. „Amelie! Amelie, bitte! Tu es nicht! Bitte, spring nicht!“ schreit David, allerdings kann ich mehr nicht hören. Alles wird schummerig und ich sehe nur noch unklar, bis meine Augen zu fallen. Ich blinzele ein letztes mal, bevor alles schwarz wird und ich stolpere nach vorne, und kippe vom Geländer. Doch irgendwas hält mich auf. Ich spüre die Hand einer Person an meinem Rücken, die Finger, welche mich halten und einen Arm, der mich auffängt. Die Person legt mich auf der Straße ab und ich spüre wie mein Rücken nass wird und Wasser meine Jacke durchdringt. Der harte Boden ist in jedem meiner Glieder spürbar und ich höre erneut Davids Stimme: „Amelie, hey, …“. Ich öffne meine Augen und sehe Davids Gesicht und seine Augen, die mich besorgt anschauen. „David, warum bist du hier? Was ist passiert?“ frage ich. „Hey, alles gut, du bist hier sicher.“ antwortet er und nimmt mich in den Arm. „Deine Mutter hat deinen Brief gefunden und gefragt, ob ich bei dir wäre, ich habe vermutet, dass du dich hier aufhalten würdest und bin sofort gekommen. Du wolltest dich von der Brücke stürzen, aber du bist ohnmächtig geworden und ich habe dich noch in letzter Sekunde aufgefangen. Amelie ich weiß, ich habe dich in der Vergangenheit sehr verletzt, aber bitte, tu das nicht, ich liebe dich.“ „David, ich, ich…“ David versucht mich zu beruhigen und sagt: „Du musst nichts sagen, ich bin hier, ich bringe dich zu mir nach Hause und kümmere mich dort um dich und dann rufen wir gemeinsam deine Mutter an und suchen nach einer Lösung für dich in Ordnung?“ Behutsam legt er mir eine seine Jacke über meine Schultern und trägt mich in seinen Armen. In diesem Moment erkannte ich das erste Mal, dass es doch einen Grund zum Leben gibt und das ich das Leben noch nicht aufgeben möchte, selbst wenn ich diesen Grund nur einmal spüren sollte, ist die Liebe es wert.
© Anna-Lena Renze 2024-08-18