von Hermann Karosser
Es war wenige Tage nach meiner Abiturfeier und nachdem ich âmeine Zelteâ im Internat in Pfarrkirchen abgebrochen hatte, da ĂŒberraschte mich mein Schwager Werner, Angelikas Mann, mit der Einladung zu einer Wochenend-Fahrt an die Adria. Es sollte sozusagen ein Geschenk zum erfolgreichen Abschluss des Gymnasiums sein.
Nur wir zwei, ein MĂ€nnerausflug also, mit dem Auto nach Jesolo. Mit dem Auto, das hieĂ mit meinem Traumauto, einem zitronengelben Opel Manta der ersten Generation. Als ich den damals nach seinem Erscheinen beim Opel-HĂ€ndler besichtigt hatte, organisierte ich mir einen 120 Zentimeter langen Poster von dem Wagen und hĂ€ngte ihn ĂŒber meinem Schreibtisch an die Wand. Die flieĂende Form, die von der Seite mit dem leicht wieder aufsteigenden Heck wirklich an einen Riesenrochen erinnerte, hatte mich von der ersten Minute an begeistert. Dieses Auto, dachte ich immer, wĂŒrde ich mir irgendwann einmal kaufen.
TatsĂ€chlich gekauft hatten es Angelika und Werner. âZitroneâ tauften sie es. Und ich durfte damit nach Italien.
Wir nahmen nicht die Autobahn, sondern die BrennerbundesstraĂe. Zum einen, weil die keine Maut kostete, vor allem aber, weil wir zwei Technik-Freaks uns die damals hochmoderne Autobahn, oft als Wunderwerk bezeichnet, bei gemĂŒtlicher Geschwindigkeit gerne von unten ansehen wollten. Ăberrascht stellten wir fest, dass sie nur zu einem geringen Teil als Erdbauwerk, aber weit mehr als HangbrĂŒcke mit unzĂ€hligen Pfeilern gebaut war.
Eine kurzweilige Fahrt war es in dem tollen Auto und mit den interessanten Beobachtungen. SchlieĂlich erreichten wir unser Ziel am westlichen Ende des Lido di Jesolo am FuĂ des Faro di Punta Sabbioni. Direkt gegenĂŒber lag der Lido di Venezia und dahinter gleich die Lagunenstadt.
Wir bauten unser Zelt auf, ein kleines Zwei-Mann-Zelt. Ich weiĂ gar nicht mehr, ob das ĂŒberhaupt ein Campingplatz war oder ob wir dort wild gezeltet haben. Damals war das vielleicht noch möglich. Jedenfalls stand das Zelt ganz alleine da, kein Mensch und kein Camper sonst weit und breit.
Weil wir schon so nahe dran waren, haben wir natĂŒrlich einen Abstecher nach Venedig gemacht. Mit dem Boot zum Markusplatz und hinein ins GewĂŒhl. Was ich da noch nicht wusste, war, welche Anziehungskraft diese Stadt mein ganzes Leben lang auf mich haben wĂŒrde und wie oft ich sie noch besuchen, erkunden und auf mich einwirken lassen wĂŒrde.
Dann folgten der Abend und die Nacht in unserer bescheidenen Unterkunft. Es war schon stockdunkel, nur der Leuchtturm sandte immer wieder seinen kreisenden Lichtstrahl auch zu uns herunter. Jetzt noch ein Bad im Meer, das war es, was diesen Tag endgĂŒltig perfekt machen wĂŒrde, sagten wir und stĂŒrzten uns auch schon in die Fluten.
Aber was war das? Die Bewegungen unserer Arme und Beine wurden bei jedem Zug begleitet von einem funkelnden Schwall. Wie eine kleine âMilchstraĂeâ sah das aus oder wie ein Schwarm GlĂŒhwĂŒrmchen. War das Meeresleuchten? FĂŒr uns ohne Zweifel. Unvergesslich!
© Hermann Karosser 2020-08-13