Den Blick traurig auf den kleinen See gerichtet, auf dem sich munter Enten gegenseitig jagen, sitzt sie da. Plötzlich ertönt eine Stimme neben ihr. „Was dagegen, wenn ich mich dazu setze?“ Melina schaut auf. Ein älterer Mann steht neben ihr und sieht lächelnd zu ihr hinunter. „Nein“, erwidert sie direkt, „setzen sie sich ruhig.“ Und sie rückt ein wenig zur Seite, um ihm Platz zu machen. „Vielen lieben Dank.“ Er setzt sich mit einem wohligen Seufzer und erklärt: „Ich bin schon so lange unterwegs, da tut es gut mal zu sitzen.“ Melina weiß darauf nichts zu erwidern, also nickt sie ihm nur freundlich zu. Der Mann spricht weiter. „Ein toller Ort um zu entspannen. Besonders bei diesem schönen Wetter.“ Wieder nickt Melina nur. Nach einem Gespräch ist ihr gerade nicht. Dennoch denkt der Mann nicht im Geringsten daran still zu sein. „Sehr gesprächig sind sie nicht. Und sie sehen irgendwie traurig aus. Möchten sie sich etwas von der Seele reden? Ich bin ein sehr guter Zuhörer, wird mir oft gesagt.“ Verschiedene Gefühle kämpfen nun in Melina um die Vorherrschaft. Es ist auf der einen Seite Empörung, dass der Mann, trotz dass sie ihm deutlich zu verstehen gibt, dass sie nicht an einem Gespräch interessiert ist, weiter auf sie einredet. Auf der anderen Seite wärmt es ihr das Herz, dass er so viel Anteilnahme zeigt. Sie entscheidet sich, auf das zweite der beiden zu hören und seine Empathie zu belohnen. „Mein Freund und ich haben ziemliche Probleme.“ fängt sie an und erzählt dem Mann die ganze Geschichte. „Ach ja die Liebe“, antwortet er, „so leicht und schön, wenn man frisch verliebt ist, doch manchmal so schwer, wenn der Alltag da ist und solche Probleme eintreffen. Schlimm ist, dass ihr euch in so verschiedene Richtungen gewendet habt.“ Er hält kurz inne. „Ich darf doch ›du‹ sagen? Wie alt bist du? 32?“ „33“, erwidert sie. „Ja, duzen sie mich ruhig. Ich bin Melina.“ „Freut mich. Alfred.“ Er reicht ihr die Hand, die sie kurz drückt. „Habt ihr mal darüber nachgedacht zusammen wegzufahren? Irgendwo hin wo ihr genug Abstand habt und euch vielleicht noch einmal neu finden könnt? Wo ihr nochmal abseits von allem in Ruhe über alles reden könnt und Jens vielleicht auch ohne Stress die Einsicht findet, dass sein Stolz ein Teil des Problems ist?“ Er hebt die Hand um jeglichen Einwand, der kommen könnte, zu stoppen. „Ja ich weiß er ist stur und der Meinung, dass ein anderer Ort nichts ändern wird, wenn ihr zu Hause schon nicht zu einer Einigung kommt.“ Nun sieht er ihr direkt ins Gesicht. „Aber was würdest du tun, wenn du die Möglichkeit hättest diese Entscheidung einfach zu treffen, ohne ihn danach fragen zu müssen?“ Ungläubig schaut Melina ihn an. „Was bitte? Wie stellen sie sich das denn bitte vor? Soll ich ihn fesseln, knebeln, in den Kofferraum packen, mitnehmen und erst an dem anderen Ort wieder frei lassen?“ Der Mann fängt schallend an zu lachen. „Du bist mir sympathisch Mädel. Aber nein, keine Sorge, so meine ich das nicht. Und er beginnt zu erklären.
© Michaela Wirbelwind 2025-02-27