von Lorber_Krantz
Ich stecke in alten Kleidern und verharre in kalter Monotonie. Der Mantel der Trivialität liegt schwer über meinen Schultern, die Lederflicken abgewetzt und ausgefranst das Futter. In der Jugend schwor ich meiner Zukunft Variation und Diversität, meiner Vergangenheit hinterließ ich quälende Eintönigkeit. Was passierte mit meinen Träumen? Wohin verschwanden die Visionen? Ich trage Lethargie und die Armut des Geistes mit bemitleidenswürdiger Anmut. Ein kindliches Genie hatte man mich damals genannt und losgeschickt mit einem Koffer voll Verheißung und Talent. Nun steht der Koffer verstaubt und von Motten zerfressen in einer Ecke, geöffnet wurde er nie. Nein, nicht losgeschickt, gestoßen hatten sie mich. Nicht ausgebildet, sondern mit Rosen gestreichelt, deren giftige Stacheln meine Haut mit Faulheit und Selbstzweifel infiziert hatten. Für ihr eigenes Vergnügen kleideten sie mich in tote Häute und ließen mich in immerwährender Repetition ihre Zuneigung erwerben. So lange, bis die dunklen Nähte rissen und man diese mit den durchlöcherten Resten abgetragener Kleidung flicken musste.
Ich sitze hier, umhüllt von den Resten einer strahlenden Vergangenheit, neben einem Koffer unerschöpften Potenzials. Fallen gelassen von denen, die mich einst priesen, da mein Gewand nicht mehr mit dem ihren konvergierte, zur Seite geschoben von den neuen Genies und ihren Häuten aus feinstem Leder. Wenn sie wüssten, wenn sie wüssten. Ihr selbstgefälliges Lachen würde ihnen vergehen. Ihre Selbstsucht sie ersticken, wenn sie es wüssten, dass ich einst einer unter ihnen war, in derselben Kleidung wandelte, dieselben Rosen roch. In Scham würden sie ihrer selbst wegen versinken. Doch was nützt das Klagen? Ich habe meine Geschichte längst geschrieben.
Hitze ballt sich in meinem Nacken, ich scheine unter der Last zu ersticken. Ablegen kann ich den Mantel nicht mehr, die Kraft ist der Schwäche des Alters gewichen. So viele Versuche sind gescheitert. Wie oft habe ich an den Ärmeln gezogen und am Kragen gerissen. Fest gewoben hatte er sich, verwachsen war er mit meiner Haut. Häuten müsste ich mich, ja häuten. Und dann würden sie kommen, kriechen aus ihren Löchern und meine Haut einem anderen überziehen. Nein, ich wage es nicht.
Vielleicht kann ich es noch, einen letzten großen Geniestreich. Wie würden sie verblassen und ihre fahlen Augen sich weiten, wenn ich ihre geliebten Goldsterne überstrahle. Erstarren würden sie in meiner Präsenz, ungläubig, dass ich es wagte, dass ich dennoch triumphierte. Mein Erfolg war von ihrer Reaktion abhängig. Was, wenn sie nicht sahen? Wenn sie über mich hinweg blickten? Ich wäre unter den Augen der Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preisgegeben.
So bleibe ich lieber, unter dem zerrissenen Mantel der Vergangenheit, von Motten zerfressen, geflickt und mit meiner Haut verwoben, mit dem Koffer einer nicht gelebten Zukunft. Der kindliche Geist einer erwachsenen Vergangenheit.
© Lorber_Krantz 2021-08-24