Der nackte Mann

Viktoria Hellman

von Viktoria Hellman

Story

Sie hatte lange geschlafen. Langsam erwachte sie aus dem Reich der Träume und fand sich in der trüben grauen Wirklichkeit des beginnenden Dezembertages wieder. Es war kuschelig warm in ihrem Bett. Sie hatte noch keine Lust aufzustehen, um sich den täglichen Herausforderungen zu stellen. Sie schloss die Augen und holte Traumreste in ihr langsam erwachendes Bewusstsein.

Sie war in einem Theatersaal, die Bühne war bis in den Zuschauerraum erweitert worden, sodass es nur wenig Platz für das Publikum gab. Auf dem Boden lag ein nackter Mann auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, ein junger Mann, schön gewachsen. Um ihn herum Menschen, die ihn interessiert, fasziniert ansahen. Manche, es waren eher Kinder, wagten sich näher an ihn heran, um ihn zu berühren, ganz zart, vorsichtig, Angst vor zu viel Nähe deutlich spürbar. Offensichtlich handelte es sich um ein experimentelles Theaterstück, in dem sich ein Schauspieler dem Publikum zur Verfügung stellte, ihn zu berühren. Nackt, ausgeliefert, verletzlich. Sie war unter den Zuschauern und beobachtete die Szenerie aus sicherer Entfernung. Die Zusehenden drängten sich in dem kleinen abgeriegelten Teil des großen Raumes, wollten näher kommen und rückten mit einer Sessellänge näher an das Bühnengeschehen heran. Es gab Wachpersonal, das mit unerbittlicher Härte die Menschen in ihre vorgegebenen Schranken wies.

Diesen Traum nahm sie mit in den Tag. Das Bild des nackten Mannes deutlich vor sich, stand sie auf, ging ein Stockwerk tiefer in ihre schöne, modern gestaltete Küche, betätigte die Kaffeemaschine und freute sich auf die belebende schwarze Flüssigkeit, die sie bald zu sich nehmen würde.

Mit der schönen bunten Keramiktasse, die sie an ihren letzten Griechenland-Urlaub erinnerte, setzte sie sich an den Esstisch und schaute durch das große Panoramafenster hinaus auf die ruhige Winterlandschaft, die Natur in ihrem Winterschlaf. Fasziniert beobachtete sie die Krähen, die sich in großer Anzahl auf den abgeernteten Feldern tummelten und nach vergessenen Futterresten suchten. Diese schwarzen Vögel gefielen ihr und ihre krächzenden Laute klangen wie Musik in ihren Ohren. Sonst war alles still. Sie genoss diese Stille um sich herum. Radiomusik oder Stimmen aus dem Fernseher hätten sie nur gestört und von sich weggebracht. Längst hatte sie diese Geräte aus ihrem Leben verbannt. Sie besaß nur ein IPhone und ein IPad, ihre vertrauten Begleiter, mit denen sie in Verbindung trat mit der Außenwelt. Nur sorgsam ausgewählte Sendungen sah sie sich an.

Sie nahm noch einen Schluck Kaffee, mit beiden Händen hielt sie die Tasse umklammert und wärmte ihre kalten Hände. Sie überlegte, was sie mit dem angebrochenen Tag anfangen sollte/wollte/musste. Das Müssen versuchte sie so weit wie möglich von ihrem Leben fernzuhalten. CARPE DIEM! Dieser schon überstrapazierte Ausspruch machte ihr Stress und fühlte sich nicht gut an.Einfach nur sein, einatmen, ausatmen im Spiel des Lebens.

© Viktoria Hellman 2020-12-15

Hashtags (optional)